 der Frau von Hohenauf. Das Fräulein stand in der Blüte
ihrer Jahre, denn sie war noch nicht völlig achtzehn alt. Ihre standesmässige
Erziehung hatte sie der Aufsicht einer Französin zu danken, die in ihrem
Vaterlande eine Trödelkrämerin gewesen war, in Deutschland aber, mit dem Reste
ihrer Bude ausgeschmückt, sich zur Komtesse erhob. Nachdem diese Pariserin
verschiedene deutsche Höfe besucht und auf maskierten Bällen und auf
Lustschlössern mit Herzogen und Reichsfürsten gegessen und gespielt hatte, ließ
sie sich endlich, des Hoflebens satt, aus angeborner Gutherzigkeit bereden, ein
deutsches Landfräulein zur Dame umzuschaffen und es auf den guten Ton zu
stimmen, den sie selbst in Paris gelernt hatte, obgleich freilich nur aus der
dritten oder vierten Hand. Das Fräulein machte einem so trefflichen Unterrichte
ungemeine Ehre, indem sie alles, was ihr die Französin anpries, noch zu
übertreiben wusste. Sie konnte mit geläufiger Zunge jedermann Rede angewinnen,
alles verachten, sich zu allem drängen, sich nichts übelnehmen, dreierlei auf
einmal sprechen und tun, um in Gesellschaft die Aufmerksamkeit auf sich zu
ziehen; widersprechen, um eigensinniger Laune Lauf zu lassen, die oft für
lebhaften Geist genommen wird; nachgeben, um mit Zierlichkeit schmollen zu
können; in einem Nachmittage an sechs Orten und allenthalben abwesend sein; in
der ganzen Gesellschaft am lautesten reden und am wenigsten sagen; sich putzen,
schminken, spielen, tanzen, liebäugeln und Sentiments plaudern, alles zugleich
und ohne daran zu denken. Kurz, sie besaß den bon ton vollkommen und hatte sich,
um ihn an Mann zu bringen, den vergangenen Winter an einem benachbarten
fürstlichen Hofe zum erstenmal als eine ausgemachte Petitemaîtresse gezeigt. Sie
war mit ihrem Anfange selbst nicht übel zufrieden, denn sie hatte mehr Aufsehen
gemacht als irgendein anderes Fräulein; einige ihrer Moden waren nachgeahmt
worden, die Schönheiten des vorigen Winters kamen gegen sie nicht mehr in
Betrachtung, die Anbeter drängten sich um sie, Geschenke, Nachtmusiken, Bälle,
wovon sie die Königin war, folgten sich unaufhörlich, und sie besaß wirklich ein
sehr großes Paket Liebesbriefe von den bestfrisierten Köpfen des Hofes.
    Die Frau von Ehrenkolb gehörte zu den guten Müttern, die sich selbst in
ihren Töchtern genießen. Dass ihr Fräulein Aufsehn machte und gerühmt wurde,
gefiel dem mütterlichen Herzen; und wenn sich ihre Erfahrung auch wider manche
Frivolität setzte, so war doch die kleinste Liebkosung der Tochter hinlänglich,
die schwache Frau nachgebend zu machen, ja ein ruhiger Nachmittag war genug, ihr
einzubilden, ihre Tochter wäre gesetzt und weise.
    So ungelegen dem Fräulein der verdrießliche Frühling kam, der sie aus der
fürstlichen Residenz aufs Land trieb, so angenehm war ihr die Einladung zur Frau
von Hohenauf. Sie hatte bei derselben schon oft große glänzende Gesellschaften
gesehen und hoffte also,
