 deutlich erklärte, konnte ich doch merken, dass seine
Zuneignug abgenommen hatte.
    Mein Unstern trieb mich endlich, ein Buch zu schreiben, worin ich mich über
gewisse dogmatische und moralische Materien freimütig erklärte, worüber ich
lange und reiflich nachgedacht hatte. Dies machte im Städtchen Aufsehen. Weder
der Superintendent noch meine übrigen Kollegen nebst ihren Vorfahren seit drei
Generationen hatten jemal ein Buch geschrieben. Man hielt mich also für
naseweis, dass ich, der jüngste Diakon, hierin eine Neuerung machte. Selbst der
Superintendent billigte diesen Schritt nicht, besonders war ihm die dreiste Art
sehr missfällig, womit ich verjährte Vorurteile angegriffen hatte. Vergebens
erinnerte ich ihn, dass dieses zum Teile ebendie Sätze wären, die ich aus seinem
eigenen Munde gehört hatte und über deren Richtigkeit wir in unsern
Unterredungen übereingekommen wären.
    Das war ganz etwas anders, versetzte er etwas erhitzt. Dergleichen Sachen
kann man wohl unter vier Augen untersuchen, aber man muss sie nicht öffentlich
sagen. Und Sie am wenigsten, als ein Prediger, hätten sich hierüber so positiv
erklären sollen. Wir müssen uns dem Urteile des gemeinen Haufens nicht
blossstellen; er erschrickt über ungewohnte Wahrheiten, und wir verlieren das
Zutrauen, das wir zu seiner Besserung anwenden könnten. Wenn ein Prediger
Zweifel über dogmatische Sätze hat, so ist's am besten, dass er sie ganz
verschweige; aufs höchste kann er lateinisch darüber schreiben, für gelehrte
Theologen, die davon so viel in die Welt können kommen lassen, als sie nötig
finden.
    Vergebens stellte ich ihm vor, wie nötig es sei, den großen Haufen über
gewisse Wahrheiten zu belehren; vergebens bemerkte ich, dass viele Zweifel
deshalb nicht unbekannt blieben, wenn auch die Gottesgelehrten davon schwiegen,
indem sie den sogenannten Weltleuten aus andern Büchern und durch Unterhaltungen
mit denkenden Köpfen schon längst bekannt und ebendarum näher beleuchtet und
erörtert werden müssten, damit ihre Wirkung nicht noch nachteiliger werden möge.
Ich ging noch weiter; ich wollte ihm zeigen, dass ich aus nötiger Klugheit noch
verschiedene Gedanken verschwiegen hätte, die ich öffentlich bekanntzumachen
noch nicht für ratsam hielte. Ich entdeckte ihm einige, sie gefielen ihm nicht,
er wollte mich widerlegen, ich suchte mich zu verteidigen, und was das
schlimmste war, ich hatte recht. Er ward hitzig, nahm ein saures Amtsgesicht an,
tat einen Machtspruch und brach das Gespräch ab.
    Der gute alte Mann sah es zwar ganz gern, wenn andere insoweit frei dachten,
als er sich selbst das Ziel gesteckt hatte; aber denjenigen, der nur einen
Schritt weiter gehen wollte, verachtete und hasste er noch mehr als den, der
alles beim alten ließ. Er hat es mir nachher nie vergeben, dass ich hatte weiter
sehen wollen als er. Nun war ferner auf keine
