 anzuführen pflegte. Im Urteile über den
Wert der Romane war sie das Orakel der ganzen Gegend. Sie war aber auch in der
ganzen Gegend die einzige, die alle unsre besten neueren Dichter ganz frisch von
der Presse und die »Bremischen Beiträge«, die »Sammlung vermischter Schriften«
und die »Briefe die neueste Literatur betreffend« stückweise kommen ließ. Von
ihr erhielten sie die wenigen gnädigen Fräulein, die Landprediger und die
Konrektoren in den benachbarten kleinen Städten, die noch in der dortigen Gegend
unsere schönen Geister des Lesens würdigten.
    In der Philosophie waren Sebaldus und seine Wilhelmine noch weit mehr
voneinander unterschieden. Sosehr er ein eifriger Crusianer war, ebensosehr war
sie aus allen Kräften der Wolffischen Philosophie ergeben, besonders aber wusste
sie desselben »Kleine Logik« auswendig. Wenn eine von ihren Freundinnen sich den
Geschmack bilden wollte, so pries sie derselben das zehnte Kapitel: »Wie man von
Schriften urteilen soll« nebst dem elften an: »Wie man Bücher recht mit Nutzen
lesen kann«. Der Crusiusschen Philosophie war sie von Herzen gram, welches auch
kein Wunder war, weil sie sich niemals hatte überwinden können, eine einzige von
den Schriften des hochwürdigen Mannes in die Hand zu nehmen. Sebaldus gab sich
alle mögliche Mühe, sie dahin zu bringen, dass sie nur wenigstens »Wüstemanns
Kompendium der Crusiusschen Philosophie« durchlesen möchte, welches er für eine
nahrhafte Milch für unmündige Philosophen hielt. Umsonst! Sie legte es, nachdem
sie sechs Seiten durchgelesen hatte, mit Verachtung aus der Hand und war und
blieb eine Wolffianerin.
    Es ist leicht zu begreifen, wie die Philosophie der schönen Wilhelmine
zuweilen eine kleine Unordnung im Hauswesen habe verursachen können und wie
möglich es gewesen, dass ein neuangekommenes Stück der »Literaturbriefe« der
zureichende Grund sein konnte, dass der Reisbrei anbrennen musste. Solche kleine
häusliche Widerwärtigkeiten störten aber keineswegs die beiderseitige
Zufriedenheit. Da Sebaldus gemeiniglich zu ebender Zeit über einem Gesichte aus
der Apokalypse geschwitzt hatte, so schmeckte er entweder den Fehler der Speise
nicht oder nahm ihn ganz gutherzig auf sich, weil er glaubte, er habe auf sich
allzulange warten lassen. So gebiert das Bewusstsein eigener Schwachheiten
Toleranz, und Toleranz gebiert Liebe.
    Im Anfange freilich verursachten die sich gerade entgegengesetzten gelehrten
Meinungen beider Eheleute unter ihnen manchen heftigen Zwist, sobald aber nur
die beiderseitige Zuneigung stärker geworden war, konnten die verschiedenen
Meinungen nicht mehr den Wachstum ihrer Liebe hindern. Auf die Philosophie, über
die sie sich so oft ohne Erfolg gestritten hatten, ließ sie sich ferner gar
nicht ein. Hingegen ließ sich Sebaldus zuweilen gefallen, von Wilhelminen ein
Stück aus einem neuen deutschen Schriftsteller vorlesen zu hören (denn wider die
französischen Schriften hatte er sich allzu deutlich erklärt, als dass sie sich
derselben zu
