 Dieser weisen
Beobachtung zu Folge wurde in einer der anmutigsten Gegenden des ganzen Reichs
ein andrer Lustsitz angelegt, in dessen kleinerem Umfange die schöne Alabanda,
mit Hilfe einiger poetischen Köpfe des Hofes, bemüht war, die Natur über alle
mühsamen Bestrebungen der Kunst triumphieren zu lassen. Die Natur zeigte sich da
mit allen ihren eigentümlichen Reizungen, in dem leichten Gewand einer Nymphe,
oder in der reizenden Unordnung einer Schönen, die von ihrem Liebhaber
überrascht zu werden hofft. Man konnte sich wirklich keinen angenehmern Ort
träumen lassen; aber es kostete so viel, der schönen Natur diesen Sieg über ihre
Nebenbuhlerin zu verschaffen, dass man sich genötigt sah einen Vorwand zu
ersinnen, um die Untertanen mit einer neuen Steuer zu belegen. Auf solche Weise
wurde Scheschian nach und nach mit den herrlichsten Denkmälern der üppigen
Erfindsamkeit dieser Favoritin angefüllt. Die Unternehmer dieser Werke und
einige Künstler, welche weniger wegen ihres vorzüglichen Talents als durch
Empfehlungen und Hofränke angestellt wurden, fanden unstreitig ihre Rechnung
dabei. Etliche Poeten, die um den zehnten Teil der Einkünfte eines
Hofküchenschreibers gedungen waren, über alles, was der Hof tat oder getan haben
wollte, Oden zu machen, posaunten und leierten von Wundern und goldenen Zeiten.
Aber die Provinzen sanken zusehens in einen kläglichen Stand von Entkräftung und
Verfall herab, und die Nation hatte sehr große Hoffnung, in kurzem einem
Virtuoso zu gleichen, der, durch einen kleinen Verstoss gegen die Rechenkunst, in
einem sehr zierlichen neu gebauten Palaste, mitten unter einer herrlichen
Sammlung von Gemälden, Statuen und Altertümern - - verhungert.«
    Nurmahal hielt bei diesem Absatz ein wenig ein, weil sie gewahr wurde, dass
der Sultan in Gedanken vertieft schien; als dieser sich auf einmal mit einer
auffahrenden Bewegung an Danischmenden wandte. »Glaubst du nicht, Danischmend«,
fragte ihn Schach-Gebal, »dass die Sultanen meine Mitbrüder sehr vieles, was sie
tun, unterlassen würden, wenn sie einen Freund hätten, der ehrlich genug wäre,
ihnen die Wahrheit zu sagen?«
    »Vielleicht«, antwortete Danischmend mit einem kaum merklichen Achselzucken.
- »Vielleicht auch nicht«, - murmelte er hinten nach.
    »Und warum nicht?« fragte der Sultan.
    »Sire«, sagte der Philosoph, »wollen Ihre Majestät schlechterdings, dass ich
Ihnen die Wahrheit sagen soll?«
    »Das bedurfte, nach der Anmerkung die ich eben machte, keiner Frage«, sprach
der Sultan.
    »So sage ich, dass wenigstens drei gegen eins zu wetten ist, dass die meisten
Sultanen weder mehr noch weniger tun würden als ihnen beliebt, wenn sie gleich
den Konfucius oder Zoroaster selbst zum Freunde hätten. Denn, - gesetzt, zum
Exempel, der König Azor hätte einen solchen Freund gehabt
