 dem eigentlichen Zustande der Sachen: als
Alabanda (eine Dame des Hofes, die schon seit geraumer Zeit an einem Entwurf
arbeitete, die zärtliche und untätige Xerika zu verdrängen) sich eines günstigen
Augenblicks bemächtigte, und zum ersten Male Eindruck auf das Herz Azors machte,
indem sie sich das Ansehen gab, von einem lebhaften Eifer für seine Ruhe und für
die Glorie seiner Regierung beseelt zu sein. Diese Frau vereinigte alle die
Reizungen in ihrer Person, welche das Herz eines Prinzen wie Azor zu fesseln
fähig waren; eine blendende und untadelhafte Schönheit mit der Blüte der Jugend,
und den angenehmsten Witz mit tausend liebreizenden Grazien. Sie war
unwiderstehlich, wenn sie sich vorgesetzt hatte es zu sein; und Azor konnte von
dem ersten Augenblick an, da die Gleichgültigkeit, worin Xerika seine Sinne zu
lassen anfing, ihm erlaubte ihre Nebenbuhlerin mit Aufmerksamkeit anzusehen,
sich nicht genug wundern, wie er so lange von einem so vollkommenen Gegenstande
habe ungerührt bleiben können. Die zärtliche Xerika hatte in dem Könige nur
Azorn geliebt; Alabanda liebte in Azorn nur den König. Zwanzig andre taugten
eben so gut oder besser ihre wollüstige Sinnesart zu vergnügen: aber ihre
Eitelkeit konnte nur durch eine unumschränkte Gewalt über das ganze Scheschian
befriediget werden; und der Plan, den sie zu diesem Ende machte, bewies ihre
Klugheit. Sie entdeckte Azorn, wie übel der Staat unter der Regentschaft seiner
Mutter verwaltet worden sei, und überredete ihn, die Zügel der Regierung künftig
selbst zu führen. Der Staatsrat und die obersten Kronbedienungen wurden also mit
Kreaturen der schönen Alabanda besetzt: und da nichts Unbeständigeres sein
konnte als die Gunst dieser Dame; so veränderte sich der Divan unter ihrer
Regierung so oft als ihr Kopfputz, oder als die Farben ihres Anzugs, durch deren
täglichen Wechsel sie bewies, dass ihre Schönheit in jedem Lichte sich selbst
gleich bleibe, und über alles triumphiere, was neben ihr glänzen wolle.
    Der König wunderte sich sehr, da er eine Bürde, die er sich so schwer
vorgestellt hatte, so leicht fand. Es kostete ihm nur einen Wink, oder höchstens
ein bloßes Ja zu allem was ihm die schöne Alabandain eigener Person oder durch
ihre Werkzeuge vorschlug. Nichts konnte bequemer sein; aber Scheschian befand
sich auch um nichts besser bei einer Regierung, die dem Könige so leicht gemacht
wurde.
    Gleich zu Anfang des vorerwähnten Krieges hatte sich der Günstling der
Sultanin-Mutter, in dessen Händen damals die höchste Gewalt lag, genötigt
gesehen, die Anführung der Kriegsheere einem erfahrnen Feldherrn zu übergeben,
der zu alt war, um bei dem neuen Hofe in Ansehen zu stehen. Seine Figur, seine
Manieren, sein Ton, seine Art sich zu kleiden, und sein Charakter hatten schon
lange aufgehört nach der Mode zu
