 als eine Gnade nachzusuchen genötigt
wurde. Es gab zwar schon damals Leute, welche behaupteten: Ein König von
Scheschian habe so viel zu tun, einem jeden das Seine zu geben, dass ihm wenig
oder keine Gnaden zu erteilen übrig blieben; jede Ehrenstelle oder Bedienung
erfodre gewisse Talente und Tugenden, und müsse also mit demjenigen besetzt
werden, welcher die größten Proben gegeben habe, dass er diese Talente und diese
Tugenden besitze; ja, der König sei nicht einmal berechtiget, die Pensionen,
welche aus dem öffentlichen Schatze bewilliget würden, als Gnaden anzusehen,
weil der öffentliche Schatz zu Bestreitung derjenigen Ausgaben geheiliget sein
müsse, welche die Ausübung des königlichen Amtes notwendig macht; kurz, der
König habe keine Gnaden auszuteilen als aus seinem eigenen Beutel; und alles
Gute, was er als König tue, fliesse aus einer eben so verbindlichen Schuldigkeit
ab, als diejenige sei, vermöge welcher die Untertanen ihm Ehrfurcht und Gehorsam
zu beweisen, und nach Verhältnis ihres Vermögens ihren Anteil zu den Einkünften
der Krone beizutragen schuldig seien - allein diejenigen, welche dergleichen
Sätze vorbrachten, hätten eben so wohl getan sie für sich selbst zu behalten;
denn sie wurden nicht gehört, und der Hof erhielt sich im Besitze, alles was er
tat so sehr aus Gnade zu tun, dass, wie gesagt, das Wort Verdienst in seiner
eigentlichen Bedeutung zu den verhassten Wörtern herab sank, welche aus der
Sprache der guten Gesellschaft verbannt waren; und dass es niemals anders
gebraucht wurde, als, um diejenigen Eigenschaften oder Verhältnisse zu
bezeichnen, wodurch man das Glück hatte, den Personen, welche Gnaden austeilen
konnten, angenehm zu sein. In den ersten Jahren der Regierung des Königs Azor
hingen die meisten Gnaden von der Amme der Königin Lili, von der persischen
Tänzerin, welche den Vertrauten des obersten Visirs gefesselt hatte, und von
einem gewissen Bonzen ab, der mit großem Eifer arbeitete, diese Tänzerin von der
Religion der Feueranbeter, in welcher sie geboren war, zu der seinigen zu
bekehren. Es gab also während dieser Zeit ordentlicher Weise nur dreierlei Arten
von Verdiensten oder Wegen, Gnaden zu erhalten: das Verdienst sie bezahlen zu
können, eine viel versprechende Figur (denn die Tänzerin war sehr
uneigennützig), und das Verdienst der Dummheit.
    Azor, dessen Hof in dieser Zeit den Glanz der prächtigsten in Asien
auslösche, welcher jährlich dreihundertundfünfundsechzig Feste gab, und im
Besitz der liebenswürdigen Xerika der glücklichste unter allen Unsterblichen zu
sein glaubte - denn wie hätte er auf einer so hohen Stufe von Glückseligkeit
nicht vergessen sollen, dass ihn seine Mutter sterblich geboren? - Azor wusste
nichts davon, dass seine Provinzen mit raubgierigen Stattaltern besetzt, seine
Gerichtsstellen an unwissende und leichtsinnige Gecken verhandelt, und die
Verwaltung der Kroneinkünfte, mittelst gewisser
