 wollte: aber wie
hätte er wissen können, was zur Anordnung eines großen Staates, zur Besorgung
seiner Bedürfnisse, zur Befestigung seiner Sicherheit, zur Bewirkung seines
allgemeinen Wohlstandes erfodert wird? Die Natur bildet (ordentlicher Weise
wenigstens) keine Fürsten; dies ist ein Werk der Kunst, und ohne Zweifel ihr
höchstes und vollkommenstes Werk: aber man hatte sich begnügt den guten Azor zu
einem liebenswürdigen Edelmanne zu bilden. Da er also genötigt war, seine
wichtigsten Geschäfte andern zu übertragen, und da es unmöglich ist, ohne die
Kenntnisse, welche ihm mangelten, eine gute Wahl zu treffen: wie konnte sich
Azor, jung und unerfahren wie er war, anders helfen, als sie denjenigen zu
überlassen, von denen er am günstigsten dachte, weil sie die meiste Gewalt über
sein Herz hatten?15 Zum Unglück befanden sich diese in den nämlichen Umständen
wie er selbst. Sie behielten also nur den leichtesten und angenehmsten Teil
davon, die Ausübung einer willkürlichen Gewalt, für sich selbst, und überließen
das übrige wieder an andere; und so geschah es sehr oft, dass die wichtigsten
Angelegenheiten das Schicksal hatten, nach dem Gutachten eines unwissenden
Bonzen, oder eines Kammerdieners, oder einer jungen, grillenhaften Schönen, oder
(welches mehr als Einmal geschehen sein soll) durch den Einfall eines -
Hofnarren entschieden zu werden.
    Die Folgen dieser Staatsverwaltung waren so betrübt als man sich vorstellen
kann. Die wichtigsten Stellen wurden nach und nach mit untauglichen Personen
besetzt; die Gerechtigkeit anfangs heimlich verhandelt, und zuletzt öffentlich
feil geboten; unter ihrem Namen triumphierte die Schikane; die öffentlichen
Einkünfte wurden verschwendet, und die Forderungen unersättlicher Günstlinge
unter die Rubrik der Staatsbedürfnisse gebracht. Alle die höheren und mühseligern
Pflichten der Regierung, deren Ausübung mit keinem unmittelbaren Privatvorteil
verknüpft war, wurden vernachlässiget. Das Laster, welches sich den Schutz der
Großen zu verschaffen wusste, blieb unbestraft; ja es wurde nicht selten unter
dem Titel des Verdienstes noch durch Belohnung aufgemuntert. In der Tat wird man
wenig Regierungen finden, wo die Verdienste so häufig und so übermäßig belohnt
worden wären als in dieser. Aber man wunderte sich eine lange Zeit, wie es
zugehe, dass sich diese Verdienste immer nur bei den Angehörigen oder Freunden
der Günstlinge fänden; man wunderte sich noch mehr, wie es zugehe, dass die
Nation durch lauter Leute von Verdiensten zu Grunde gerichtet werde; und nur
eine kleine Anzahl von spekulativen Leuten begriff, dass in allem diesem gar
nichts sei, worüber man sich zu wundern habe.«
    Da der Sultan hier zum dritten Male gähnte, so wurde die Vorlesung durch
einen geschickten Übergang zu einem angenehmern Gegenstande abgebrochen, wovon
es dem sinesischen Autor nicht beliebt hat uns Nachricht zu erteilen.
 
                                       8.
»Inzwischen lebte der junge
