 den Übermut
dieser stolzen Untertanen zu dämpfen, und der Krone die verlorne Obermacht
wieder zu verschaffen. Er schlug dazu zwei sehr zweckmässige Mittel vor. Das eine
war, einen Krieg anzufangen, der den zahlreichen Adel vermindern und ihm
Gelegenheit geben würde, sich durch seine auch im Felde nicht eingeschränkte
Üppigkeit und Prachtliebe zu Grunde zu richten; das andere, den Priesterstand,
dessen Ansehen beim Volke seine Anhänglichkeit an die Krone um so
verdienstlicher mache, mehr als bisher zu begünstigen, und die ansehnlichern
Civilbedienungen, die bisher größten Teils in den Händen unwissender, schlecht
erzogener und lasterhafter Menschen übel genug verwaltet worden, mit würdigen
Männern aus dem gelehrten Stande zu besetzen. Zum ersteren fand sich gar bald
eine Veranlassung; denn nichts ist leichter als Händel zu haben wenn man sie
sucht: und zum letztern wusste Kolaf ebenfalls zu rechter Zeit Rat zu schaffen.
    In der Tat hatte er dem größten Teile des scheschianischen Adels durch die
Beschuldigung der Unwissenheit und schlechten Erziehung kein Unrecht getan.
Schon lange waren die Gesetze Tifans, die sich auf die Erziehung des Adels
bezogen, außer Übung gekommen. Diese von jenem weisen Fürsten, mehr als dem
Staate und ihr selbst zuträglich war, begünstigte Kaste, hatte seit der
Regierung der Könige Turkan und Akbar ihre erhabene Bestimmung, den einzigen
Grund ihrer Vorrechte, gänzlich aus den Augen verloren. Zu hoch über ihre
Mitbürger hinauf gesetzt um nicht hoffärtig, und zu reich um nicht übermütig zu
sein, überließen sich die scheschianischen Nairen in den Jahren, worin sie zur
Erfüllung ihrer künftigen großen Pflichten gebildet werden sollten, dem
üppigsten Müßiggang und allen Ausschweifungen einer unbändigen Jugend. Sie
blieben unwissend, und gewöhnten sich, Gelehrsamkeit und alles was Fleiß und
Anstrengung des Geistes erfordert, als Dinge die weit unter ihnen wären,
anzusehen. Alle Zweige der Wissenschaften blieben also den Priestern und übrigen
Gelehrten von Profession überlassen: und da die ersteren vermöge der Konstitution
zu Lehrern des Tifanischen Gesetzbuches bestellt waren, und durch ihre
vielfachen Verhältnisse gegen das Volk die beste Gelegenheit hatten, sowohl den
Charakter als die jedesmalige Lage, Bedürfnisse und Gesinnungen desselben besser
als andere kennen zu lernen; so konnte der Oberbonze Kolaf mit gutem Fug
erwarten, dass sein Plan, die Bonzen, die das Vertrauen des Volkes besaßen, nach
und nach an die Plätze des allgemein verhassten Adels zu bringen, den vollen
Beifall des größeren Teils der Nation erhalten würde.
    Sobald er also einen ansehnlichen Teil der Nairen durch einen Krieg, den er
selbst in geheim angezettelt hatte, aus Scheschian entfernt sah, wusste er es
durch seine im ganzen Reiche verbreiteten Freunde und Ordensgenossen so
einzuleiten, dass von allen Seiten große Klagen einliefen, über Untüchtigkeit,
Unredlichkeit, Missbrauch der obrigkeitlichen Gewalt, Versagung der Justiz,
Verdrehung der Gesetze,
