 war: und hätte der Page, der ihn zum Morgengebet zu wecken pflegte, seine
Zeit nicht so übel genommen, ihn mitten in einem Traume von dem König Dagobert,
dessen Ausgang zu sehen er begierig war, zu unterbrechen, so würde Se. Hoheit
den ganzen Tag über bei der besten Laune von der Welt gewesen sein.
    Die schöne Nurmahal ermangelte also nicht, sich in der folgenden Nacht zur
gewöhnlichen Zeit wieder einzufinden, um die zweite Probe mit ihrem Opiat zu
machen, welches zum ersten Male so wohl angeschlagen, und dabei den Vorzug
hatte, das unschädlichste unter allen zu sein, die man hätte gebrauchen können.
    Wir merken hier ein für allemal an, dass diese Dame, welche vermutlich die
Geschichte von Scheschian schon in ihrem eigenen Kabinette gelesen hatte, und,
wie man uns versichert, eine Frau von Geist, Belesenheit und Einsicht war, sich
im Lesen nicht so genau an den Text gebunden hielt, um nicht zuweilen die
Erzählung abzukürzen, oder mit ihren eigenen Reflexionen zu bereichern, oder
sonst irgend eine Veränderung im Schwung oder Ton derselben vorzunehmen, je
nachdem ihr die gegenwärtige Verfassung und Laune des Sultans den Wink dazu gab.
Man erwarte also, dass sie bald in ihrer eigenen Person sprechen, bald ihren
Autor reden lassen wird, ohne dass wir nötig finden, jedesmal besondere Anzeige
zu tun, wer die redende Person sei; ein Umstand, woran dem Leser wenig gelegen
ist, und den wir seiner eigenen Scharfsinnigkeit ruhig überlassen können.
    »Ihre Hoheit«, fing sie an, »erinnern Sich des Zustandes, worin wir die
Scheschianer gestern verlassen haben. Er war so verzweifelt, dass sie nur von
einer Staatsveränderung einige Erleichterung ihres Elendes erwarten konnten. Die
Gelegenheit dazu konnte nicht lange ausbleiben. Ogul, der Kan einer benachbarten
tatarischen Völkerschaft, ersah sich des Augenblicks, da einige Fürsten aus
wenig erheblichen Ursachen den damaligen König vom Throne gestoßen hatten, und
über die Erwählung eines neuen sich unter sich selbst und mit den übrigen so
wenig vergleichen konnten, dass endlich beinahe so viel Könige, als Scheschian
Provinzen hatte, aufgeworfen wurden. Da keiner von diesen Nebenbuhlern den
andern neben sich dulden wollte, so erfuhr dieses unglückliche Reich alle
Drangsale und Greuel der Anarchie und Tyrannie zu gleicher Zeit: die eine Hälfte
der Nation wurde aufgerieben, und die andere dahin gebracht, einen jeden, der
sie, auf welche Art es auch sein möchte, von ihren Unterdrückern befreien
wollte, für ihren Schutzgott anzusehen. Viele, welche alles hoffen konnten weil
sie nichts mehr zu verlieren hatten, schlugen sich auf die Seite des Eroberers;
die minder mächtigen Rajas und Großen des Reichs folgten ihrem Beispiel; und die
übrigen wurden um so leichter überwältiget, da ihre Uneinigkeit sie verhinderte
