 nun, indem ein großer Teil der Scheschianer sich einzeln in
fremde Länder zerstreut, wo fleißige und geschickte Ankömmlinge allezeit
willkommen sein werden; oder indem der Staat selbst Kolonien aussendet, welche
sich auf entlegnen Küsten niederlassen, Künste und Sitten zu barbarischen
Völkern tragen, und durch das nämliche Mittel, wodurch sie ihren eigenen Zustand
verbessern, zugleich Wohltäter des menschlichen Geschlechts werden. Wie viele
und große Inseln, wie viele bewohnbare Gegenden des festen Landes liegen
entweder noch ganz öde, oder sind doch lange nicht so bewohnt und angebaut, dass
sie nicht noch Raums genug für viele Millionen neuer Ankömmlinge haben sollten,
welche, anstatt ihren Unterhalt durch die Jagd in unermesslichen Wildnissen zu
suchen, die Werkzeuge des Ackerbaues und der Künste mit sich bringen, wodurch
der zehnte Teil des Bezirks worin hundert Wilde kümmerlich ihrem Hunger wehren,
zu einer reichen Vorratskammer für hundertmal so viel gesittete Familien gemacht
wird!«
    »Sehr wohl, sehr wohl«, sagte der Sultan lächelnd: »und wenn auch dies nicht
zureicht, Herr Danischmend, nun, so haben wir ja auf den Notfall noch
Heuschrecken, Pestilenz, Erdbeben und Überschwemmungen, welche uns die Mühe
ersparen können, eine kleine Abänderung in den Gesetzen des weisen Tifan zu
machen.«
    »Ich hoffe, wir werden nicht vonnöten haben, die Natur um eine so grausame
Hilfe anzurufen. Sie hat schon auf eine andre Weise dafür gesorgt, dass, bei
allen möglichen sittlichen Beförderungsmitteln der Bevölkerung, dennoch nicht
leicht ein gefährliches Übermaß derselben zu besorgen ist. Die Vermehrung steht,
nach einer allgemeinen Beobachtung, in einem selten ungleichen Verhältnisse mit
der mehreren oder mindern Leichtigkeit, die das Volk hat, seinen Unterhalt zu
gewinnen. Und gesetzt auch, einer von Tifans Nachfolgern hätte sich endlich
genötigt gesehen, dem Verbot des ehelosen Standes etwas weitere Grenzen zu
setzen: würde nicht diese Notwendigkeit selbst den stärksten Beweis von der
Vortrefflichkeit der Gesetze Tifans ausgemacht haben?«
    »Bei allem dem«, fuhr Schach-Gebal in seinem einmal angenommenen Tone fort,
»mag es in Scheschian jährlich eine hübsche Anzahl Fündelkinder gegeben haben,
Herr Danischmend?«
    »Eine sehr ansehnliche, allem Vermuten nach«, sagte der Philosoph: »aber
desto besser für den König, oder, eigentlicher zu reden, für den Staat!«
    »Wie so?« fragte der Sultan.
    »Um Ihre Hoheit nicht mit Rätseln aufzuhalten, muss ich sagen, dass es, von
Tifans Zeiten an, eigentlich gar keine Fündelkinder in Scheschian gab; - denn
von unehelichen war die Rede nicht mehr. Tifans Gesetze hatten dafür gesorgt,
dass Natur und Liebe sich niemals in der traurigen Notwendigkeit befinden
konnten, das Süsseste und Werteste, was beide haben, verleugnen zu müssen. Aber
in allen
