 Harmonie zwischen Tifan und seinem Volke war eben so sehr die
Frucht der vortrefflichen Regierungsart dieses Fürsten, als der weisen Gesetze,
auf die er sie gegründet hatte. Die Scheschianer waren weder lenksamer noch
besser als irgend ein andres Volk in der Welt. Noch vor kurzem hatten sie sich
in einem so tiefen Grade von Verderbnis befunden, dass ein Wunderwerk vonnöten
schien, um sie wieder zu geselligen Menschen und guten Bürgern zu machen; und es
äußerten sich, ungeachtet der bessern Seele welche Tifan ihnen bereits
eingehaucht hatte, allenthalben noch die Wirkungen des sittlichen Giftes, wovon
die ganze Masse des Staats so lange durchdrungen gewesen war. Tifans Nachfolger
hatte in diesem Stücke einen großen Vorteil. Ihm kostete es wenig Mühe, ein wohl
gesittetes, an die Ordnung gewöhntes, und ein halbes Jahrhundert lang von dem
Geist eines weisen und guten Fürsten beseeltes Volk, nach Gesetzen, die dem
größten Teil durch die Erziehung zur andern Natur geworden waren, zu regieren.
Aber Tifan, dem niemand vorgearbeitet hatte; der das Reich in einem Zustande von
Zerrüttung und Verwilderung übernahm; der so vielfältigen und großen Übeln
abzuhelfen hatte; der nicht etwann bloß ein wildes Volk zahm oder ein
barbarisches gesittet machen, sondern einen durchaus verdorbenen Staat mit
frischem Blut und neuen Lebenskräften versehen musste: Tifan konnte ein so großes
Werk nicht anders als durch einen Grad von Tugend, der selten das Los eines
Sterblichen ist, zu Stande bringen. Jede Schwachheit, jedes Laster, womit er
behaftet gewesen wäre, würde seinen ganzen Plan vereitelt haben.
    Aber Natur, Erziehung und standhafter Vorsatz, alle seine Pflichten in der
möglichsten Vollkommenheit zu erfüllen, vereinigten sich bei ihm, ihn von den
gewöhnlichen Schwachheiten und Ausschweifungen der meisten Personen seines
Ranges frei zu erhalten. Der Natur hatte er ein Herz zu danken, das im Wohltun
und in der Freundschaft sein höchstes Vergnügen fand, und seiner Erziehung den
unschätzbaren Vorteil, wenig Bedürfnisse zu haben. Nüchternheit, Mäßigkeit, und
Gewohnheit sich immer nützlich zu beschäftigen, machten ihm Arbeiten, vor
welchen andre Fürsten gezittert hätten, beinahe zum Spiele. Seine
Ergetzlichkeiten waren bloß Erholungen von der Arbeit. Er suchte sie bei den
schönen Künsten, oder im Schoße der Natur und in dem Vergnügen eines
zwangfreien, freundschaftlichen Umgangs. Wenig um die Meinung bekümmert, die der
unverständige Haufe von ihm haben könnte, und zu groß um durch äußerlichen Pomp
und Schimmer diesen Pöbel verblenden zu wollen, aber äußerst empfindlich für das
Vergnügen geliebt zu werden, kannte er keinen andern Ehrgeiz, als den Wunsch,
der geliebte Vater eines glücklichen Volkes zu sein. Keine Anstrengung, keine
Mühe, keine Nachtwache war ihm beschwerlich, um diesen schönsten unter allen
fürstlichen Titeln zu verdienen.39
    Zu allem diesem kam ein Umstand, ohne welchen
