
sich dem ungeachtet immerfort betrügen lassen werde, setzt eine Geringschätzung
des gemeinen Menschenverstandes voraus, welche der Klugheit des witzigen Eblis
wenig Ehre macht. Dieses Betragen musste nach der damaligen Lage der Sachen in
Scheschian notwendig einen gedoppelten Schaden tun. Auf der einen Seite schlich
die Verachtung der Religion von den Großen und Gelehrten sich nach und nach bis
zum Pöbel herab, welcher froh zu sein schien, dass seine Beherrscher töricht
genug waren, den Damm, der ihnen noch einige Sicherheit gegen den Schwall der
allgemeinen Verderbnis verschaffen konnte, selber zu durchstechen. Auf der
andern Seite ließ die Bonzen von der blauen Partei, wie leicht zu erachten
ist, diesen Anlass, ihre verfallenen Angelegenheiten wieder herzustellen, nicht
unbenützt. Je näher die Gefahr andrang, welche dem scheschianischen Aberglauben
den Untergang drohte, desto eifriger waren sie, kein Mittel unversucht zu
lassen, das Volk aus seiner schlafsüchtigen Gleichgültigkeit aufzuwecken, und in
das wilde Feuer einer fanatischen Andacht zu setzen. Unter den Händen einer
weisen Regierung würde die Gleichgültigkeit der Scheschianer gegen den
ungereimten Glauben ihrer Väter das Mittel geworden sein, eine große
Verbesserung ohne gewaltsame Erschütterungen und auf eine beinahe unmerkliche
Weise zu bewerkstelligen. Aber die Unbesonnenheit der anmasslichen Philosophen
dieser Zeit, das alte Gebäude einzureissen, ohne ein anderes von festerem Grunde,
bessern Materialien und edlerer Bauart auszuführen, ließ, nicht nur diese
glückliche Gelegenheit entschlüpfen, sondern vermehrte noch die Übel, welche die
unmittelbaren Früchte des Unglaubens sind, mit allen den unseligen Folgen des
Fanatismus, der (wie uns die Jahrbücher der Menschheit belehren) allemal, wenn
Gottlosigkeit und sittliche Verwilderung am höchsten gestiegen sind, seine
verwüstende Fackel am heftigsten geschwungen, und oft ganze Weltteile das
grausame Schicksal eines Landes, das von Feinden und Freunden zugleich verheeret
wird, hat erfahren lassen.
    Der Hof, dessen einzige Beschäftigung war, die allgemeinen Übel des Staats
in seinen besonderen Nutzen zu verwenden, unterließ nicht, alle Bewegungen der
Blauen aufs schärfste zu beobachten, und fand desto leichter Gelegenheit ihnen
beizukommen, da sie, durch ihre schwärmerische Hitze verblendet, sich stark
genug glaubten, ihre Gegner, die Feuerfarbnen, und den Hof der sie beschützte
selbst, heraus zu fordern. Wiewohl sie, der Zahl nach, die kleinere Partei
ausmachten, so schien ihnen doch der Reichtum ihrer vornehmsten Glieder eine
desto gewissere Überlegenheit zu geben, da, ordentlicher Weise, der Reichste
derjenige ist, der sich die meisten Anhänger zu verschaffen weiß. Aber eben
diese Reichtümer waren das, was die Raubsucht Isfandiars und seiner Gehülfen
reizte. Man beschloss sich derselben unter einem Vorwande zu bemächtigen, den man
entstehen lassen konnte sobald man wollte. Man stellte sich als ob man über die
Bewegungen der Blauen unruhig würde; man sprach viel von Gefahren, welche über
dem Nacken
