 und Eblissen haben missbrauchen
lassen, ist der stärkste Beweis der ursprünglichen Mildigkeit der menschlichen
Natur. Wenn wir von Empörungen, Bürgerkriegen, und gewaltsamen
Staatsveränderungen hören, so können wir allemal mit der größten
Wahrscheinlichkeit vermuten, dass unleidliche Beleidigungen den Anlass dazu
gegeben haben.«
    »Nicht allemal, mein guter Danischmend«, sagte der Sultan: »dein Eifer für
die Sache des Volks macht dich vergessen, wie viele Beispiele die Geschichte des
Erdbodens uns zeigt, dass auch gute Fürsten, Fürsten, welche wenigstens einige
geringe Fehler mit großen Tugenden vergüteten, Schlachtopfer der unbändigen
Herrschsucht eines stolzen Priesters, oder der übermütigen Anmassungen
aufrührerischer Emirn geworden sind.«
    »Gleichwohl«, erwiderte Danischmend, »würde sich vielleicht in jedem
besonderen Falle zeigen lassen, dass die Fürsten, auf welche Ihre Hoheit zu zielen
scheinen, durch sehr wesentliche Fehler in der Regierung, durch allzu große
Nachsicht gegen die Laster ihrer Günstlinge, durch häufigen Missbrauch einer
willkürlichen Gewalt, durch offenbare Ungerechtigkeiten und ein tyrannisches
Verfahren sowohl mit dem Volk als mit den Großen ihres Reiches, sich die
unglückliche Ehre zugezogen haben, der Nachwelt zu Trauerspielen Stoff zu geben.
Ein König gewinne nur die Zuneigung seiner Untertanen, er verdiene sich den
glorreichesten und süßesten aller Titel, den Namen eines Vaters des Volks: so
wird er gewiss sein können, in ihrer Liebe zu seiner Regierung und zu seiner
Person unerschöpfliche Mittel gegen alle Anschläge und Unternehmungen seiner
Feinde zu finden. Ich möchte den Priester oder die Emirn sehen, welche die
Verwegenheit hätten, sich an einen Fürsten zu wagen, dem die Herzen aller seiner
Untertanen zur Brustwehr dienen!«
    Schach-Gebal hatte vermutlich einige geheime Ursachen, warum er nicht von
sich erhalten konnte, die Gründe seines Philosophen überzeugend zu finden.
Indessen schien er doch zu fühlen, dass er den Streit nicht würde fortsetzen
können, ohne seinem Gegner Blössen zu geben, die den Sieg nicht lange
unentschieden lassen dürften. Er spielte also das Sicherste, und entließ die
Gesellschaft für diesmal, indem er zu der schönen Nurmahal sagte: »In der Tat,
es fehlt unserm Freunde Danischmend nichts als etwas mehr Kenntnis der Welt, um
(für einen Philosophen) ganz leidlich zu räsonieren. Er hat den Fehler aller
dieser Herren, gern von Dingen zu reden die er nicht versteht: aber er spricht
doch gut, und dies ist, zum Zeitvertreib, alles was ich von ihm fordre.« Die
Achseln des weisen Danischmend waren im Begriff die Antwort auf dieses
unerwartete Lob zu geben, als er sich noch zu rechter Zeit erinnerte, dass es
nicht erlaubt sei, über irgend etwas, das ein Sultan sagen kann, die Achseln zu
zucken. Er begnügte sich also, wie gewöhnlich, seinen ungelehrigen Kopf gegen
den
