 die vorteilhaftesten Begriffe zu geben, wiewohl es
größten Teils auf Unkosten der Wahrheit geschehen musste. Er malte alles ins
Schöne; er vergrößerte ihre guten oder erträglichen Eigenschaften, stellte ihre
Laster in den tiefsten Schatten, und entschuldigte durch sophistische
Spitzfindigkeiten was sich nicht verbergen ließ. Kurz, er behandelte ihre
Geschichte nicht anders, als ob die Begriffe vom Guten und Bösen, sobald sie auf
einen Großen angewendet werden, willkürlich würden, oder als ob der königliche
Mantel durch eine talismanische Kraft jedes Laster, das er bedeckt, in eine
schöne Eigenschaft verwandeln könnte. - Man muss gestehen (pflegte er von einem
offenbaren Tyrannen, oder von einem in Üppigkeit versunkenen Wollüstling zu
sagen), dass dieser große Sultan in einigen Handlungen seines Lebens die Strenge,
welche durch die Umstände seiner Zeiten notwendig gemacht wurde, etwas weiter
getrieben hat als zu wünschen war - oder: Es ist nicht zu leugnen, dass seine
Neigung zu den Ergetzungen nicht immer in den Schranken der weisesten Mäßigung
blieb; aber diese Schwachheiten (setzte er hinzu) wurden durch so viele große
Eigenschaften vergütet, dass es eben so unbillig als unehrerbietig wäre, sich
dabei aufzuhalten.
    Der junge Prinz hätte nicht so schlau sein müssen als er war, wenn er sich
nicht einige kleine Grundsätze hieraus gezogen hätte, welche das wenige Gute,
das der Unterricht seines Sittenlehrers in seinem Gemüte übrig gelassen hatte,
vollends vernichteten; zum Beispiel: Dass die Laster eines Fürsten ein Gegenstand
seien, von welchem man mit Ehrerbietung reden müsse; dass ein Fürst um so weniger
vonnöten habe seinen schlimmen Neigungen Gewalt anzutun, weil es immer in seiner
Macht stehe, das Böse, das er tut, wieder zu vergüten; dass man es einem Sultan
desto höher anrechnen müsse, wenn es ihm gefällt einige gute Eigenschaften zu
haben, weil es bloß an ihm lag, ungestraft so schlimm zu sein als er nur gewollt
hätte, und dergleichen mehr. Der junge Isfandiar ermangelte nicht, aus diesen
und ähnlichen Sätzen, welche aus der verkehrten Weise, wie ihm die Geschichte
beigebracht wurde, zu folgen schienen, sich eine geheime Sittenlehre zu seinem
eigenen Gebrauch zu bilden, welche desto gefährlicher war, da sein von Natur
wenig empfindsames Herz keine Neigungen hatte, welche seinen Launen und
Leidenschaften das Gegengewicht hätten halten können.
    Ich habe mich, nicht ohne Gefahr dem Sultan meinem Herrn lange Weile zu
machen, bei der Erziehung des Prinzen Isfandiar verweilt, weil ich überzeugt
bin, dass sie großen Teils an den Torheiten und Lastern schuld ist, welche die
Regierung dieses unglücklichen Fürsten auszeichnen.«
    »Aber, wenn dies wäre«, sagte Schach-Gebal, »wie viele Königssöhne in der
Welt müssten eben so schlimm sein, als dein Isfandiar! Denn ich bin gewiss
