seitdem die schöne Alabanda eine unbegrenzte Gewalt über das Herz, über den Hof
und über die Schatzkammer des Sultans von Scheschian usurpierte. Gewohnheit und
Sättigung hatten ihre Bezauberung endlich aufgelöst; und Alabanda sah die Zeit
kommen, wo sie sich in der traurigen Notwendigkeit befand, zuzugeben, entweder
dass Azor aufgehört habe empfindlich, oder dass sie selbst aufgehört habe reizend
zu sein.«
    »Als ob nicht beides zugleich hätte Platz haben können«, sagte die schöne
Nurmahal.
    »Wenigstens«, versetzte der Doktor, »war es natürlicher an ihr, das erste zu
glauben.«
    »Und an Azorn das andre«, sagte der Sultan mit einem spitzfündigen Lächeln.
    »Wie dem auch sein mochte«, fuhr Danischmend fort, »die gute Dame beging den
Fehler, einen Zufall, den man nach Verfluss von zwanzig Jahren einen von den
natürlichsten in der Welt nennen kann, für eine unerträgliche Beleidigung
anzusehen. So unbillig dies scheinen mag, so unbesonnen war es, den guten
Sultan, welcher wirklich ganz unschuldig an der Sache war, so oft er lange Weile
hatte (und dies war sehr oft), mit Vorwürfen von Untreue und Undankbarkeit, und
mit allen tragikomischen Wirkungen der Eifersucht und bösen Laune zu verfolgen.
Denn was konnte sie anders von einem solchen Betragen erwarten, als - gerade
das, was wirklich erfolgte? nämlich, dass er die alte Abgöttin seiner Seele, die
er seit geraumer Zeit kaum noch liebenswürdig fand, in kurzem unerträglich
finden musste. Von diesem Augenblick an hatte die Regierung der schönen Alabanda
ihr Ziel erreicht. Azor suchte nun im Wechsel eine Glückseligkeit, an welche
sein Herz gewöhnt war: er zerstreute sich dadurch eine Zeit lang; aber die
Befriedigung fand er nicht, die ein reizbares Herz von den Sinnen, oder von den
launischen Einfällen einer herum flatternden Phantasie vergebens erwartet. Er
wurde also dieser Wanderungen des Herzens um so viel eher überdrüssig, da ihn
Lili und Alabanda angewöhnt hatten, von weiblichen Köpfen, aber von den feinsten
und witzigsten weiblichen Köpfen, regiert zu werden.
    Die Freiheit, worin die gefälligen Schönen seines Hofes ihn wider seinen und
ihren Willen ließ, machte ihm sein Dasein zur beschwerlichsten Last. Mehr als
einmal versuchte er's, die schöne Alabanda wieder so reizend und zauberisch zu
finden, als sie es gewesen war: aber der unglückliche Erfolg seiner Bemühungen
überzeugte ihn zuletzt, dass sie wirklich aufgehört haben müsse es zu sein; und
wozu konnt es ihm helfen, das Unmögliche bewerkstelligen zu wollen?
    In dieser Verfassung befand sich Azor, als es der persischen Tänzerin, deren
bereits in dieser Geschichte Erwähnung geschehen ist, gelang, ihn die Erfahrung
machen zu lassen, dass er den ganzen Zirkel der Torheiten, zu welchen ihn
