 die unumschränkte Beherrscherin des Sultans Azor wurde. Dieser günstige
Umstand machte den Feuerfarbnen Luft, und verhütete den gänzlichen Ausbruch
eines allgemeinen Bürgerkrieges. Alabanda hatte zwar große Lust ihren Freunden
eine vollständige Rache an den Blauen zu verschaffen; aber Kalafs Anhang war zu
groß, und der Ausgang eines Bürgerkrieges zu ungewiss, als dass ein solcher
Anschlag bei den Häuptern der Feuerfarbnen selbst Eingang gefunden hätte. Man
begnügte sich also auf beiden Seiten einen Vertrag zu Stande zu bringen, wodurch
die Sachen in eine Art von Gleichgewicht gesetzt wurden. Indessen zeigte sich in
der Folge, dass der Altertumsforscher Gorgorix der Nation durch seine Entdeckung
eine Wunde geschlagen hatte, welche zwar zugeschlossen, aber nicht von Grund aus
geheilt werden konnte. Das immer währende Gezänke der Bonzen; der Abscheu,
welcher natürlicher Weise beide Parteien gegen einander erfüllen musste, wenn sie
dem Gegenstand ihrer Verehrung von der andern Partei mit Verachtung begegnen
sahen; die Beeiferung sogar in den gleichgültigsten Dingen sich von einander zu
unterscheiden: alles vereinigte sich, die Blauen und Feuerfarbnen mit einem
unauslöschlichen Hasse gegen einander zu entzünden; mit einem Hasse, der nicht
nur das zarte Gewebe der feinern Bande der Natur zerriss, sondern stark genug
war, um von Zeit zu Zeit die gröbern Fesseln der bürgerlichen Verhältnisse zu
zerbrechen. Er glich einem schleichenden Gifte, welches die ganze Masse des
politischen Körpers ansteckte, und alle andre Gebrechen und Zufälle desselben
bösartiger machte, als sie an sich selbst gewesen wären. Bei jeder Veranlassung
brach das gärende Übel bald in diesem bald in jenem Teile des Reichs aus: und da
der Hof weder mächtig genug war, eine von den Parteien gänzlich zu unterdrücken,
noch weise genug, ein genaues Gleichgewicht zwischen ihnen zu erhalten; so
drückte und verfolgte immer eine die andre wechselsweise, je nachdem sie in
einer Provinz oder bei Hofe selbst die Oberhand hatte; und das Unglück der
Nation wurde durch diese neue Klasse von Beschwerden, wie schimärisch auch die
erste Quelle derselben war, so vollkommen gemacht, dass die Scheschianer sich
endlich zum zweiten Male in der unseligen Lage befanden, das Ende ihres Elendes
nur von einer gewaltsamen Staatsveränderung zu erwarten.«
    Unter den Anmerkungen, womit der Sultan Gebal diese Erzählung etlichemal
unterbrach, hat uns nur Eine wichtig genug geschienen, bemerkt zu werden. Er
zweifelt nämlich, wie es möglich gewesen, dass eine Nation, die man uns
(wenigstens von den Zeiten des Sultans Ogulan) in einem Zustande von Aufklärung
und Verfeinerung vorstellt, dumm genug habe sein können, sich zum Opfer eines so
albernen antiquarischen Streites machen zu lassen?
    Die Auflösung, welche Danischmend von diesem Problem gibt, verdient
wenigstens gehört zu werden. »Es ist wirklich eine klägliche Sache«, spricht er,
»Geschöpfe unsrer Gattung ihres besten Vorzugs
