
gewesen wäre, so hätte ich meine besten Opfer dem Tempel der Grazien geweiht. -
Aber ich sehe, meine Emilia, ich errate, was sie denkt; denn indem sie dieses
Schreiben liest, fragt der Ausdruck ihrer Physionomie: »War meine Freundin
Sternheim so fehlerfrei, weil sie die von den andern so dreuste bezeichnet? Neid
mag sie nicht gehabt haben, denn der Plan, dem sich ihre Eitelkeit nachzugehen
vorgenommen hatte, meint durch nichts gestört worden zu sein; der Dank für die
Tanzübungen in ihrer Erziehung zeigt es an; oft ist es bloß ein großer Grad der
Zufriedenheit mit sich selbst, was uns vom Neide frei macht, anstatt, dass es die
wahre Tugend tun sollte.«
    Sein Sie ruhig, meine liebe strenge Freundin, ich empfinde, dass Sie recht
haben; ich war eitel und sehr mit mir zufrieden; aber ich wurde dafür gestraft.
Ich hielt mich für ganz liebenswürdig, aber ich war es nicht in den Augen
desjenigen, bei dem ich es vorzüglich zu sein wünschte. Ich befliss mich so sehr
gut englisch zu tanzen, dass Mylord G. und Derby zu dem Fürsten sagten, eine
geborene Engländerin könnte den Schritt, die Wendungen und den Takt nicht besser
treffen. Man bat mich, mit einem Engländer eine Reihe durchzutanzen. Mylord
Seimour wurde dazu aufgefodert, und, Emilia! er schlug es aus; mit einer so
unfreundlichen, beinahe verächtlichen Miene, dass es mir eine schmerzliche
Empfindung gab. Mein Stolz suchte diese Wunde zu verbinden; doch beunruhigte
mich sein düstres Bezeugen gegen alle Welt am allermeisten; er redete mit gar
niemand mehr als mit seinem Onkel und Herrn Derby, welcher mit entzückter
Eilfertigkeit der Auffoderung entgegenging. Ich suchte ihn auch dafür durch mein
bestes Tanzen zu belohnen und zugleich Seimourn durch meine Munterkeit zu
zeigen, dass mich sein Widerwille nicht gerührt habe. Sie kennen mich. Sie
urteilen gewiss, dass dieser Augenblick nicht angenehm für mich war; aber meine
voreilige Neigung verdiente eine Strafe! Warum ließ ich mich durch die Lobreden
der Liebhaberin des Mylord Seimour so sehr zu seinem Besten einnehmen, dass ich
die Gerechtigkeit für andre darüber vergaß und auf dem Wege war, die Achtung für
mich selbst zu vergessen? Aber ich habe ihm Dank, dass er mich zum Nachdenken und
Überlegen zurückführte; ich bin nun ruhiger in mir selbst, billiger für andre
und habe auch deswegen neue Ursache, mit diesem Feste vergnügt zu sein. Ich habe
für meinen Nächsten eine Pflicht der Wohltätigkeit ausgeübt und für mich eine
Lektion der Klugheit gelernt, und nun hoffe ich, meine Emilia ist mit mir
zufrieden und liebt mich wie sonst.
                        Fräulein von Sternheim an Emilia
Nun habe ich den Brief, den mir die arme Madam T* auf dem
