 abgezeichnet war! Verdammt sein die Künste,
welche es an ihr auszulöschen wussten! Aber in einer Person von so vielem Geiste,
von einer so vortrefflichen Erziehung muss der Wille dabei gewesen sein; es war
unmöglich, sie zu berücken; unmöglich ist es auch, dass es allein die Wirkung
ihrer von Musik, Pracht und Geräusch empörten Sinnen gewesen sei. Ich weiß wohl,
dass man bei diesen Umständen unvermerkt von der Bahn der moralischen
Empfindungen abweicht und sie aus dem Gesichte verliert. Aber da sie die letzte
Warnung ihres guten Genius verwarf und wenige Minuten darauf der angestellten
Unterredung mit dem Fürsten entgegeneilte und sich dadurch die Geringschätzung
des Elendesten unter uns zuzog: da hatte ich Mühe, den hohen Grad von Verachtung
und Abscheu, die mich gegen sie einnahmen, zu verbergen. Ich muss Ihnen erklären,
was ich unter dem letzten Wink ihres Genius verstehe. Es war eine Bilderbude da,
wo die Damen Lotteriezettel zogen; sagen Sie, ob es wohl ein bloßes Ungefähr
oder nicht ein letzter Wink der Vorsicht war, dass das Fräulein von Sternheim die
vom Apollo verfolgte Daphne bekam! Die Partie des Fürsten sah es nicht gerne;
sie dachte, es würde ihre Widerspenstigkeit bestärken. Ihr gefiel es, sie wies
es jedermann, und redete es als eine gute Kennerin von der Zeichnung und
Malerei. Meine Freude war nicht zu beschreiben; ich hielt die Besorgnisse der
Hofleute gegründet, und die Freude des Fräuleins bekräftigte mich in der Idee,
dass sie durch ihre Tugend eine neue fliehende Daphne sein würde. Aber wie
schmerzhaft, wie niederträchtig hat mich nicht ihre Scheintugend betrogen, da
sie sich gleich darauf dem Apollo in die Arme warf! Ich sah sie mit ihrer
ehrlosen Tante und der Gräfin F* einige Zeit auf und ab gehen; die zwo elenden
Unterhändlerinnen schmeichelten ihr in die Wette. Endlich merkte ich, dass sie
mit einer zärtlichen und sorgsamen Miene bald die Gesellschaft, bald die Türe
des Pfarrgartens ansah und auf einmal mit dem leichtesten, freudigsten Schritt
durch die Zuseher drang und in den Garten eilte. Lang war sie nicht darin, aber
ihr Hineingehen hatte schon Aufsehen erweckt. Wie vieles verursachte erst der
Ausdruck von Zufriedenheit und Beschämung, mit welchem sie zurückkam; da der
Fürst bald nach ihr heraustrat, der sein Vergnügen über sie nicht verbergen
konnte und seine Leidenschaft in vollem Feuer zeigte. Mit wieviel
niederträchtiger Gefälligkeit bot sie ihm Sorbet an, schwatzte mit ihm, tanzte
ihm zuliebe englisch mit einem Eifer, den sie sonst nur für die Tugend zeigte.
Und wie reizend, o Gott, wie reizend war sie! Wie unnachahmlich ihr Tanz; alle
Grazien in ihr vereinigt, so wie es die Furien in meinem Herzen waren! denn ich
fühlte es von dem Gedanken zerrissen,
