 wiewohl in zwoen
verschiedenen Linien, dem Endzweck ihrer Bestimmung zu; ohne dass durch eine
erzwungene Mischung der Charakter die moralische Ordnung gestört würde. - Er
suchte mich mit mir selbst und meinem Schicksale, über welches ich Klagen
führte, zufriedenzustellen und lehrte mich, immer die schöne Seite einer Sache
zu suchen, den Eindruck der widrigen dadurch zu schwächen und auf diese nicht
mehr Aufmerksamkeit zu wenden, als vonnöten sei, den Reiz und Wert des Schönen
und Guten desto lebhafter zu empfinden.
    O Emilia! in dem Umgang dieses Mannes sind die besten Tage meines Geistes
verflossen! Es ist etwas in mir, das mich empfinden lässt, dass sie nicht mehr
zurückkommen werden, dass ich niemals so glücklich sein werde, nach meinen
Wünschen und Neigungen, so einfach, so wenig fodernd sie sind, leben zu können!
Schelten Sie mich nicht gleich wieder über meine zärtliche Kleinmütigkeit;
vielleicht ist die Abreise des Herrn* * daran Ursache, die für mich eine
abscheuliche Leere in diesem Hause lässt. Er kommt nur manchmal hieher. Wie
Pilgrime einen verfallenen Platz besuchen, wo ehemals ein Heiliger wohnte,
besucht er dieses Haus, um noch den Schatten des großen Mannes zu verehren, der
hier lebte, dessen großen Geist und erfahrne Weisheit er bewunderte, der sein
Freund war und ihn zu schätzen wusste.
    Den Tag nach seiner Abreise langte ein kleiner französischer Schriftsteller
an, den ein Mangel an Pariser Glück und die seltsame Schwachheit unsers Adels,
»die französische Belesenheit immer der Deutschen vorzuziehen«, in dieses Haus
führte. Die Damen machten viel Wesens aus der Gesellschaft eines Mannes, der
geraden Weges von Paris kam, viele Marquisinnen gesprochen hatte und ganze
Reihen von Abhandlungen über Moden, Manieren und Zeitvertreiber der schönen
Pariser Welt zu machen wusste; der bei allen Frauenzimmerarbeiten helfen konnte
und der galanten Witib sein Erstaunen über die Delikatesse ihres Geistes und
über die Grazien ihrer Person und ihrer gar nicht deutschen Seele in allen Tönen
und Wendungen seiner Sprache vorsagte.
    So angenehm es mir anfangs war, ein Urbild der Gemälde zu sehen, die mir
schon oft in Büchern von diesen Mietgeistern der Reichen und Großen in
Frankreich vorgekommen waren; so wurde ich doch schon am vierten Tag seiner
leeren und nur in andern Worten wiederholten Erzählungen von Meubles, Putz,
Gastereien und Gesellschaften in Paris herzlich müde. Aber die Szene wechselte
bei der Rückkunft des Herrn**, der sich die Mühe nahm, diesen aus Frankreich
berufenen Hausgeist an den Platz seiner Bestimmung zu setzen.
    Das Gepränge, womit das sklavische Vorurteil, so unser Adel für Frankreich
hat, dem Herrn** den Pariser vorstellte; das Gezier, die Selbstzufriedenheit,
womit der Franzose sich als den Autor sehr artiger und beliebter Büchergen
anpreisen hörte, würde meine Emilia, wie mich, geärgert
