
alles leicht und angenehm machen. Die Kenntnis des menschlichen Herzens würde
seinem feinen Geiste den Weg weisen, das Vertrauen des Fürsten zu gewinnen;
seine Rechtschaffenheit, tiefe Einsicht und Stärke der Seele, fänden dadurch
ihre natürliche Obermacht unterstützt, so dass die übrigen Hof- und Dienstleute
sich für den Zügel und das Leitband des weisen und tugendhaften Ministers ebenso
lenksam zeigen würden, als man sie täglich bei den Unvollkommenheiten des Kopfs
und den Fehlern des Herzens derjenigen sieht, von welchen sie Glück und
Beförderung erwarten. So, meine Emilia, beschäftigt sich meine Seele oft,
seitdem ich von den Umständen, dem Charakter und den Pflichten dieser oder jener
Person unterrichtet bin. Meine Phantasie stellt mich nach der Reihe an den Platz
derer, die ich beurteile; dann messe ich die allgemeinen moralischen Pflichten,
die unser Schöpfer jedem Menschen, wer er auch sei, durch ewige unveränderliche
Gesetze auferlegt hat, nach dem Vermögen und der Einsicht ab, so diese Person
hat, sie in Ausübung zu bringen. Auf diese Weise war ich schon Fürst, Fürstin,
Minister, Hofdame, Favorit, Mutter von diesen Kindern, Gemahlin jenes Mannes, ja
sogar auch einmal in dem Platz einer regierenden und alles führenden Mätresse;
und überall fand ich Gelegenheit, auf mannigfaltige Weise Güte und Klugheit
auszuüben, ohne dass die Charakter oder die politische Umstände in eine
unangenehme Einförmigkeit gefallen waren. Bei vielen habe ich Ideen und
Handlungen angetroffen, deren Richtigkeit, Güte und Schönheit ich so leicht
nicht hatte erreichen, noch weniger verbessern können; aber auch bei vielen war
ich mit meinem Kopf und Herzen besser zufrieden als mit dem ihrigen.
Natürlicherweise führte mich die Billigkeit nach diesen phantastischen Reisen
meiner Eigenliebe auf mich selbst und die Pflichten zurück, die mir auszurichten
angewiesen sind. Sie verband mich, so genau und streng in Berechnung meiner
Talente und Kräfte für meinen Wirkungskreis zu sein, als ich es gegen andre war;
und dadurch, meine Emilia, habe ich eine Quelle entdeckt, meine Aufmerksamkeit
auf mich selbst zu verstärken, Kenntnisse, Empfindung und Überzeugung des Guten
tiefer in mein Herz zu graben und mich von Tag zu Tag mehr zu versichern, wie
sehr ein großer Beobachter der menschlichen Handlungen recht hatte, zu
behaupten: »dass sehr wenige Personen sein, welche das ganze Maß ihrer
moralischen und physikalischen Kräfte nützten«. Denn in Wahrheit, ich habe viele
leere Stellen in dem Zirkel meines Lebens gefunden, zum Teil auch solche, die
mit verwerflichen Sachen und nichts werten Kleinigkeiten ausgefüllt waren. Das
soll nun weggeräumt werden, und weil ich nicht unter der glücklichen Klasse von
Leuten bin, die gleich von Haus aus ganz klug, ganz gut sind, so will ich doch
unter die gehören, die durch Wahrnehmungen des Schadens der
