 Doch diese sind es nicht, vor denen ich mich in Ihrem Namen
fürchte. Aber die Kunstrichter auf der einen Seite und auf der andern die ekeln
Kenner aus der Klasse der Weltleute - soll ich Ihnen gestehen, meine Freundin,
dass ich nicht gänzlich ohne Sorgen bin, wenn ich daran denke, dass Ihre Sternheim
durch meine Schuld dem Urteil so vieler Personen von so unterschiedlicher
Denkungsart ausgestellt wird? Aber hören Sie, was ich mir selbst sagte, um mich
wieder zu beruhigen. Die Kunstrichter haben es, in Absicht alles dessen, was an
der Form des Werkes und an der Schreibart zu tadeln sein kann, lediglich mit mir
zu tun. Sie, meine Freundin, dachten nie daran, für die Welt zu schreiben oder
ein Werk der Kunst hervorzubringen. Bei aller Ihrer Belesenheit in den besten
Schriftstellern verschiedener Sprachen, welche man lesen kann, ohne gelehrt zu
sein, war es immer Ihre Gewohnheit, weniger auf die Schönheit der Form als auf
den Wert des Inhalts aufmerksam zu sein; und schon dieses einzige Bewusstsein
würde Sie den Gedanken, für die Welt zu schreiben, allezeit haben verbannen
heißen. Mir, dem eigenmächtigen Herausgeber Ihres Manuskripts, wäre es also
zugekommen, den Mängeln abzuhelfen, von denen ich selbst erwarte, dass sie den
Kunstrichtern, wo nicht anstößig sein, doch den Wunsch, sie nicht zu sehen,
abdringen könnten. Doch, indem ich von Kunstrichtern rede, denke ich an Männer
von feinem Geschmack und reifem Urteil, an Richter, welche von kleinen Flecken
an einem schönen Werke nicht beleidigt werden und zu billig sind, von einer
freiwillig hervorgekommenen Frucht der bloßen Natur und von einer durch die
Kunst erzogenen, mühsam gepflegeten Frucht (wiewohl, was den Geschmack
anbetrifft, diese nicht selten jener den Vorzug lassen muss) einerlei
Vollkommenheit zu fordern. Solche Kenner werden vermutlich, ebensowohl wie ich,
der Meinung sein, dass eine moralische Dichtung, bei welcher es mehr um die
Ausführung eines gewissen lehrreichen und interessanten Hauptcharakters als um
Verwicklungen und Entwicklungen zu tun ist, und wobei überhaupt die moralische
Nützlichkeit der erste Zweck, die Ergötzung des Lesers hingegen nur eine
Nebenabsicht ist, einer künstlichen Form um so eher entbehren könne, wenn sie
innerliche und eigentümliche Schönheiten für den Geist und das Herz hat, welche
uns wegen des Mangels eines nach den Regeln der Kunst ausgelegten Plans und
überhaupt alles dessen, was unter der Benennung Autors-Künste begriffen werden
kann, schadlos halten. Eben diese Kenner werden (oder ich müsste mich sehr
betrügen) in der Schreibart des Fräuleins von Sternheim eine gewisse
Originalität der Bilder und des Ausdrucks und eine so glückliche Richtigkeit und
Energie des letztern, oft gerade in Stellen, mit denen der Sprachlehrer
vielleicht am wenigsten zufrieden ist, bemerken, welche
