 Schwachheit der
Menschen sich herablassende Weisheit will daher, dass man die Pfade der Wahrheit
mit Blumen bestreue. Die Tugend braucht nicht mit ernsten Farben geschildert zu
werden, um Verehrung zu erhalten; ihr inneres Wesen, jede Handlung von ihr ist
lauter Würde. Würde ist ein unzertrennbarer Teil von ihr, auch wenn sie in der
Kleidung der Freude und des Glücks erscheint. In dieser Kleidung allein erhält
sie Vertrauen und Ehrfurcht zugleich. Lassen Sie sie die Hand ja niemals zu
strengem Drohen, sondern allein zu freundlichem Winken erheben! Denn, solange
wir in dieser Körperwelt sind, wird unsere Seele allein durch unsere Sinnen
handeln; wenn diese auf eine widerwärtige Weise und zu unrechter Zeit
zurückgestoßen werden, so kommen aus dem Kontrast des Zwanges der Lehre und der
Stärke der durch die Natur in uns gelegten Liebe zum Vergnügen lauter schlimme
Folgen für den Wachstum unsers moralischen Lebens hervor. Umsonst hat der
Schöpfer die süßen Empfindungen der Freude nicht in uns gelegt; umsonst uns
nicht die Fähigkeit gegeben, tausenderlei Arten des Vergnügens zu genießen.
Mischen Sie nur eine fröhliche Tugend unter den Reihen der Ergötzlichkeiten, und
sehen Sie, ob die junge Munterkeit noch vor ihr fliehen und in entlegenen Orten,
mit Unmässigkeit und wilder Lust vereinigt, sich über versagten Freuden schadlos
halten wird. Gibt nicht die göttliche Sittenlehre selbst reizende Aussichten in
ewige, himmlische Glückseligkeiten, wenn sie uns auf die Wege der Tugend und
Weisheit leitet?«
    Das schöne Auge der Madam C- war mit einem staunenden Vergnügen auf mich
geheftet. Ich bat sie um Verzeihung, so viel geredet zu haben; sie versicherte
mich aber ihrer Zufriedenheit und wollte wissen: warum ich nicht lieber gesucht
hatte, als Hofmeisterin junger Frauenzimmer zu erscheinen, als eine Lehrerin von
angehenden Dienstmädchen abzugeben?
    Ich sagte ihr: weil ich in Vergleichung des Anteils von Glückseligkeit, so
jedem Stande zugemessen wurde, den von der niedrigen Gattung so klein und
unvollständig gefunden, dass ich mich freute, etwas dazuzusetzen. »Die Großen und
Mittlern haben mündlichen und schriftlichen Unterricht neben allen Vorteilen des
Reichtums und Ansehens; und die geringe, so nützliche Klasse bekommt kaum den
Abfall des Überflusses von Kenntnissen und Wohlergehen.«
    »Sie reden von Kenntnissen; soll ich suchen meine junge Frauenzimmer gelehrt
zu machen?«
    »Gott bewahre Sie vor diesem Gedanken, der unter tausend Frauenzimmern des
Privatstandes kaum bei einer mit ihren Umständen passt! Nein, liebe Madam C-,
halten Sie sie zur Übung jeder häuslichen Tugend an; aber lassen Sie sie daneben
eine einfache Kenntnis von der Luft, die sie atmen, von der Erde, die sie
betreten, der Pflanzen und Tiere, von welchen sie ernähret und gekleidet werden,
erlangen; einen Auszug der Historie, damit sie nicht ganz fremde
