 die
Dichter den Göttinnen zuzuschreiben pflegen. Was Wunder also, dass er in den
ersten Stunden nichts als anschauen und bewundern konnte, und dass seine
entzückte Seele noch keine Zeit hatte auf dasjenige acht zu geben, was in ihr
vorging. In der Tat waren alle ihre übrigen Kräfte so gebunden, dass er wider
seine Gewohnheit in dieser ganzen Zeit sich seiner Psyche eben so wenig
erinnerte, als ob sie nie gewesen wäre. Allein als die junge Tänzerin zum
Vorschein kam, welche die Person der Daphne spielte, so stellte einige
Ähnlichkeit, die sie wirklich in der Gesichtsbildung und Figur mit Psyche hatte,
ihm auf einmal, wie wohl ohne dass er sich dessen deutlich bewusst war, das Bild
seiner abwesenden Geliebten vor die Augen; seine Einbildungskraft setzte durch
eine gewöhnliche mechanische Wirkung Psyche an die Stelle dieser Daphne, und
wenn er so vieles an der Tänzerin auszusetzen fand, so war es im Grunde nur
darum, weil die Vergleichung den Betrug des ersten Anblicks entdeckte, oder weil
sie nicht Psyche war. So gewöhnlich dergleichen Spiele der Einbildung sind, so
selten ist es, dass man den Einfluss deutlich unterscheidet, den sie auf unsre
Urteile oder Neigungen zu haben pflegen. Agaton selbst, der sich von seiner
ersten Jugend an eine Beschäftigung daraus gemacht hatte, den geheimen
Triebfedern seiner innerlichen Bewegungen nachzuspüren, merkte dennoch nicht
eher, was bei diesem Anlass in seiner Phantasie vorging, bis der Name Psyche,
dieser Name, dessen bloßer Ton sonst Musik in seinen Ohren gewesen war, ihn
erschütterte, und in eine Verwirrung von Empfindungen setzte, die er selbst zu
beschreiben Mühe gehabt hat; wenn wir anders hievon nach der besonderen
Dunkelheit, die in unsrer Urkunde über diese Stelle liegt, urteilen dürfen. Was
auch die Ursache dieser Bestürzung gewesen sein mag, so ist gewiss, dass er weit
davon entfernt war nur zu argwohnen, der Genius seiner ersten Liebe stutze
vielleicht darüber, eine Nebenbuhlerin in einem Herzen zu finden, welches er von
Psyche allein ausgefüllt zu sehen gewohnt war. Sein Selbstbetrug, wofern es
anders einer war, scheint desto mehr Entschuldigung zu verdienen, weil dieser
geliebte Name wirklich in wenig Augenblicken seine ganze Zärtlichkeit rege
machte. Er bemerkte nun erst deutlich die Ähnlichkeiten, welche die beiden
Psychen mit einander hatten; er verglich sie mit einem Vorurteile, welches der
Abwesenden so günstig war, dass die Gegenwärtige ihr nur zum Schatten dienen
musste; ja wir wissen nicht, ob eine so lebhafte Erinnerung nicht endlich der
schönen Danae selbst Abbruch getan hätte, wenn diese, gleich als ob sie durch
eine Art von Divination erraten hätte was in seiner Seele vorging, auf den
glücklichen Einfall gekommen wäre, sich an den Platz der kleinen Tänzerin zu
setzen, um die Vorstellung auszuführen,
