 keinem Atenienser
übertreffen lassen wollte, in den Stand gesetzt war, ihre einzige Sorge sein zu
lassen, wie sie auf die angenehmste Art leben wollte. Sie bediente sich dieses
Glücks, wie es der Name der zwoten Aspasia erfoderte. Ihre Wohnung schien ein
Tempel der Musen und Grazien zu sein, und wenn Amor von einer so reizenden
Gesellschaft nicht ausgeschlossen war, so war es jener Amor, den die Musen beim
Anacreon mit Blumenkränzen binden, und der sich in dieser Gefangenschaft so wohl
gefällt, dass Venus ihn vergeblich bereden will, sich in seine vorige Freiheit
setzen zu lassen. Die Spiele, die Scherze und die Freuden, (wenn es uns erlaubt
ist, die Sprache Homers zu gebrauchen, wo die gewöhnliche zu matt scheint),
schlossen mit den lächelnden Stunden einen unauflöslichen Reihentanz um sie her,
und Schwermut, Überdruss, und Langeweile waren mit allen andern Feinden der Ruhe
und des Vergnügens aus diesem Wohnplatz der Freude verbannt.
    Wir haben, deucht uns, schon mehr als genug gesagt, um unsre Leser in keine
mittelmäßige Sorge für die Tugend unsers Helden zu setzen. In der Tat hatte er
sich noch niemals in Umständen befunden, wo wir weniger hoffen dürfen, dass sie
sich werde erhalten können; die Gefahr worin sie bei der üppigen Pytia, unter
den rasenden Bacchantinnen und in dem Hause des weisen Hippias, welches dem
Stalle der Circe so ähnlich sah, geschwebet hatte, verdient nur nicht neben
derjenigen genannt zu werden, welcher wir ihn bald ausgesetzt sehen werden, und
deren wir ihn gerne überhoben hätten, wenn uns die Pflichten eines
Geschichtschreibers erlaubten, unsrer freundschaftlichen Parteilichkeit für ihn,
auf Unkosten der Wahrheit nachzugeben.
 
                                Viertes Kapitel
  Wie gefährlich es ist, der Besitzer einer verschönernden Einbildungskraft zu
                                      sein
Wenn eine lebhafte Einbildungskraft ihrem Besitzer eine unendliche Menge von
Vergnügen gewährt, die den übrigen Sterblichen versagt sind; wenn ihre magische
Wirkung alles Schöne in seinen Augen verschönert, und ihn da in Entzückung
setzt, wo andre kaum empfinden; wenn sie in glücklichen Stunden, ihm diese Welt
zu einem Paradiese macht, und in traurigen seine Seele von der Szene seines
Kummers hinwegzieht, und in andre Welten versetzt, die durch die vergrössernden
Schatten einer vollkommenen Wonne seinen Schmerz bezaubern: So müssen wir auf der
andern Seite gestehen, dass sie nicht weniger eine Quelle von Irrtümern, von
Ausschweifungen und von Qualen für ihn ist, wovon er, selbst mit Beihilfe der
Weisheit und mit der feurigsten Liebe zur Tugend, sich nicht eher losmachen
kann, bis er, auf welche Art es nun sein mag, so weit gekommen ist, die
allzugrosse Lebhaftigkeit derselben zu mäßigen. Der weise Hippias hatte, die
Wahrheit zu gestehen, unserm Helden sehr wenig Unrecht getan, als er ihm eine
Einbildungskraft von
