. Denn die vorzügliche Schönheit der Natur in den gemässigten Zonen
erstreckt sich vom Menschen bis auf die Pflanzen. Unter diesen Auserlesnen von
beiden Geschlechtern würde vielleicht der Vorzug lange zweifelhaft sein; allein
endlich würde doch unter den Männern derjenige den Preis erhalten, bei dessen
Landesleuten die verschiedenen gymnastischen Übungen am stärksten, und
Verhältnisweise in dem höchsten Grade der Vollkommenheit getrieben würden; und
alle Männer würden mit einer Stimme diejenige für die schönste unter den Schönen
erklären, die von einem Volke abgeschickt worden, welches bei der Erziehung der
Töchter die möglichste Entwicklung und Kultur der natürlichen Schönheit zur
Hauptsache machte. Der Spartaner würde also vermutlich für den schönsten Mann,
und die Perserin für das schönste Weib erklärt werden. Der Grieche, welcher der
Anmut den Vorzug vor der Schönheit gibt, weil die griechischen Weiber mehr
reizend als schön sind, würde nichts desto weniger zu eben der Zeit, da sein
Herz einem Mädchen von Paphos oder Milet den Vorzug gäbe, bekennen müssen, dass
die Perserin schöner sei; und eben dieses würde der Serer tun, ob er gleich das
dreifache Kinn und den Wanst seiner Landsmännin reizender finden würde. - Lass
uns zu dem sittlichen Schönen fortgehen. So groß auch hierin die Verschiedenheit
der Begriffe unter verschieden Zonen ist, so wird doch schwerlich geleugnet
werden können, dass die Sitten derjenigen Nation, welche die geistreichste, die
munterste, die geselligste, die angenehmste ist, den Vorzug der Schönheit haben.
Die ungezwungne und einnehmende Höflichkeit des Ateniensers muss einem jeden
Fremden angenehmer sein, als die abgemessene, ernsthafte und ceremonienvolle
Höflichkeit der Morgenländer; das verbindliche Wesen, der Schein von
Leutseligkeit, so der erste seinen kleinsten Handlungen zu geben weiß, muss vor
dem steifen Ernst des Persers, oder der rauen Gutherzigkeit des Scyten eben so
sehr den Vorzug erhalten, als der Putz einer Dame von Smyrna, der die Schönheit
weder ganz verhüllt, noch ganz den Augen preis gibt, vor der Vermummung der
Morgenländerin oder der tierischen Blöße einer Wilden. Das Muster der
aufgeklärtesten und geselligsten Nation scheint also die wahre Regul des
sittlichen Schönen, oder des Anständigen zu sein, und Athen und Smyrna sind die
Schulen, worin man seinen Geschmack und seine Sitten bilden muss. Allein nachdem
wir eine Regul für das Schöne gefunden haben, was für eine werden wir für das,
was Recht ist finden? wovon so verschiedene und widersprechende Begriffe unter
den Menschen herrschen, dass eben dieselbe Handlung, die bei dem einen Volke mit
Lorbeerkränzen und Statuen belohnt wird, bei dem andern eine schmähliche
Todesstrafe verdient; und dass kaum ein Laster ist, welches nicht irgendwo seinen
Altar und seinen Priester habe. Es ist wahr, die Gesetze sind bei dem Volke,
welchem sie gegeben sind, die Richtschnur des Rechts und Unrechts;
