 auflösen lässt;
bei gewissen Völkern die jenseits des Ganges wohnen, ist ein Mädchen desto
vorzüglicher, je mehr es Liebhaber gehabt hat, die seine Reizungen aus Erfahrung
anzurühmen wissen. Diese Verschiedenheit der Begriffe vom sittlichen Schönen
zeigt sich nicht nur in besonderen Gebräuchen und Gewohnheiten verschiedner
Völker, wovon sich die Beispiele ins Unendliche häufen ließ; sondern selbst in
dem Begriff, den sie sich überhaupt von der Tugend machen. Bei den Römern ist
Tugend und Tapferkeit einerlei; bei den Ateniensern schließt dieses Wort alle
Arten von nützlichen und angenehmen Eigenschaften in sich. Zu Sparta kennt man
keine andre Tugend als den Gehorsam gegen die Gesetze; in despotischen Reichen
keine andre, als die sclavische Untertänigkeit gegen den Monarchen und seine
Satrapen; am caspischen Meere ist der tugendhassteste der am besten rauben kann,
und die meisten Feinde erschlagen hat; und in dem wärmsten Striche von Indien
hat nur der die höchste Tugend erreicht, der sich durch eine völlige
Untätigkeit, ihrer Meinung nach, den Göttern ähnlich macht. Was folgt nun aus
allen diesen Beispielen? Ist nichts an sich selbst schön oder recht? Gibt es
kein gewisses Modell, wonach dasjenige, was schön oder sittlich ist, beurteilt
werden muss? Wir wollen sehen. Wenn ein solches Modell ist, so muss es in der
Natur sein. Denn es wäre Torheit, sich einzubilden, dass ein Pygmalion eine
Bildsäule schnitzen könne, welche schöner sei als Phryne, die kühn genug war,
bei den Olympischen Spielen, in eben dem Aufzug worin die drei Göttinnen um den
Preis der Schönheit stritten, das ganze Griechenland zum Richter über die ihrige
zu machen. Die Venus eines jeden Volks ist nichts anders als die Abbildung eines
Weibes, die bei einer allgemeinen Versammlung dieses Volks für diejenige erklärt
würde, bei der sich die National-Schönheit im höchsten Grade befinde. Allein
welches unter so vielerlei Modellen ist denn an sich selbst das schönste? Der
Grieche wird für seine rosenwangichte, der Mohr für seine rabenschwarze, der
Perser für seine schlanke, und der Serer für seine runde Venus mit dem
dreifachen Kinn streiten. Wer soll den Ausschlag geben? Wir wollen es versuchen.
Gesetzt, es würde eine allgemeine Versammlung angestellt, wozu eine jede Nation
den schönsten Mann und das schönste Weib, nach ihrem National-Modell zu
urteilen, geschickt hätten; und wo die Weiber zu entscheiden hätten, welcher
unter allen diesen Mitwerbern um den Preis der Schönheit der schönste Mann, und
die Männer, welche unter allen das schönste Weib wäre: Ich sage also, man würde
gar bald diejenigen aus allen übrigen aussondern, die unter diesen milden und
gemässigten Himmelsstrichen geboren worden, wo die Natur allen ihren Werken ein
feineres Ebenmass der Gestalt, und eine angenehmere Mischung der Farben zu geben
pflegt
