 Und sind etwan die Vergnügen der Wohltätigkeit und
Menschenliebe weniger sinnlich? Dasjenige, was in dir vorgehen wird, wenn du dir
die contrastierenden Gemälde einer geängstigten und einer fröhlichen Stadt
vorstellest, die Homer auf den Schild des Achilles setzt, wird dir diese Frage
auflösen! Nur diejenigen, die der Genuss des Vergnügens in die lebhafteste
Entzückung setzt, sind fähig, von den lachenden Bildern einer allgemeinen Freude
und Wonne so sehr gerührt zu werden, dass sie dieselbige außer sich zu sehen
wünschen; das Vergnügen der Guttätigkeit wird allemal mit demjenigen in
Verhältnis stehen, welches ihnen der Anblick eines vergnügten Gesichts, eines
fröhlichen Tanzes, einer öffentlichen Lustbarkeit macht; und es ist nur der
Vorteil ihres Vergnügens, je allgemeiner diese Szene ist. Je größer die Anzahl
der Fröhlichen und die Mannigfaltigkeit der Freuden, desto größer die Wollust,
wovon diese Art von Menschen, an denen alles Sinn, alles Herz und Seele ist,
beim Anblick derselben überströmet werden. Lasst uns also gestehen, Kallias, dass
alle Vergnügen, die uns die Natur anbeut, sinnlich sind; und dass die
hochfliegendste, abgezogenste und geistigste Einbildungskraft uns keine andre
verschaffen kann, als solche, die wir auf eine weit vollkommnere Art aus dem
rosenbekränzten Becher, und von den Lippen der schönen Cyane saugen könnten.
    Es ist wahr, es gibt noch eine Art von Vergnügen, die beim ersten Anblick
eine Ausnahme von meinem Satz zu machen scheint. Man könnte sie künstliche
nennen, weil wir sie nicht aus den Händen der Natur empfangen, sondern nur
gewissen Übereinkommnissen der menschlichen Gesellschaft zu danken haben, durch
welche dasjenige, was uns dieses Vergnügen macht, die Bedeutung eines Gutes
erhalten hat. Allein die kleinste Überlegung ist hinlänglich uns zu überzeugen,
dass diese Dinge uns keine andre Art von Vergnügen machen, als die wir vom Besitz
des Geldes haben; welches wir mit Gleichgültigkeit ansehen würden, wenn es uns
nicht für alle die würklichen Vergnügen Gewähr leistete, die wir uns dadurch
verschaffen können. Von dieser Art ist dasjenige, welches der Ehrgeizige
empfindet, wenn ihm Bezeugungen einer scheinbaren Hochachtung oder
Unterwürfigkeit gemacht werden, die ihm als Zeichen seines Ansehens und der
Macht, die ihm dasselbe über andre gibt, angenehm sind. Ein morgenländischer
Despot bekümmert sich wenig um die Hochachtung seiner Völker; sclavische
Unterwürfigkeit ist für ihn genug. Ein Mensch hingegen, dessen Glück in den
Händen solcher Leute liegt, die seines gleichen sind, ist genötigt, sich ihre
Hochachtung zu erwerben. Allein diese Unterwürfigkeit ist dem Despoten, diese
Hochachtung ist dem Republicaner nur darum angenehm, weil sie das Vermögen oder
die Gelegenheit gibt, die Leidenschaften und die Begierden desto besser zu
befriedigen, welche die unmittelbaren Quellen des Vergnügens sind. Warum ist
Alcibiades ehrgeizig? Alcibiades bewirbt sich um
