 Wer zieht nicht einen
angenehmen Geruch oder Geschmack einem widrigen vor? Und würde nicht der
entaltsame Kallias selbst lieber auf einem Lager von Blumen in den Rosenarmen
irgend einer schönen Nymphe ruhen, als in den glühenden Armen des ehernen
Götzenbildes, welchem die Andacht gewisser Syrischer Völker, wie man sagt, ihre
Kinder opfert? Eben so wenig scheint es einem Zweifel unterworfen zu sein, dass
der Schmerz und das Vergnügen so unverträglich sind, dass eine einzige gepeinigte
Nerve genug ist, uns gegen die vereinigten Reizungen aller Wollüste
unempfindlich zu machen. Die Freiheit von allen Arten der Schmerzen ist also
unstreitig eine unumgängliche Bedingung der Glückseligkeit; allein da sie nichts
positives ist, so ist sie nicht so wohl ein Gut, als der Zustand, worin man des
Genusses des Guten fähig ist. Dieser Genuss allein ist es, dessen Dauer den Stand
hervorbringt, den man Glückseligkeit nennt.
    Es ist unleugbar, dass nicht alle Arten und Grade des Vergnügens gut sind.
Die Natur allein hat das Recht uns die Vergnügen anzuzeigen, die sie uns
bestimmt hat. So unendlich die Menge dieser angenehmen Empfindungen zu sein
scheint, so ist doch leicht zu sehen, dass sie alle entweder zu den Vergnügungen
der Sinne, oder der Einbildungskraft, oder zu einer dritten Klasse, die aus
beiden zusammen gesetzt ist, gehören. Die Vergnügen der Einbildungskraft sind
entweder Erinnerungen an ehmals genossene sinnliche Vergnügen; oder Mittel uns
den Genuss derselben reizender zu machen; oder angenehme Dichtungen und Träume,
die entweder in einer neuen willkürlichen Zusammensetzung der angenehmen Ideen,
die uns die Sinne gegeben, oder in einer dunkel eingebildeten Erhöhung der Grade
jener Vergnügen, die wir erfahren haben, bestehen. Es sind also, wenn man genau
reden will, alle Vergnügungen im Grunde sinnlich, indem sie, es sei nun
unmittelbar oder vermittelst der Einbildungskraft, von keinen andern als
sinnlichen Vorstellungen entstehen können.
    Die Philosophen reden von Vergnügen des Geistes, von Vergnügen des Herzens,
von Vergnügen der Tugend. Alle diese Vergnügen sind es für die Sinnen oder für
die Einbildungskraft, oder sie sind nichts. Warum ist Homer unendlich mal
angenehmer zu lesen als Heraclitus? Weil die Gedichte des ersten eine Reihe von
Gemälden darstellen, die entweder durch die eigentümliche Reizungen des
Gegenstandes, oder die Lebhaftigkeit der Farben, oder einen Kontrast, der das
Vergnügen durch eine kleine Mischung mit widrigen Empfindungen erhöhet, oder die
Erregung angenehmer Bewegungen, unsre Phantasie bezaubern. - Da die trocknen
Schriften des Philosophen nichts darstellen, als eine Reihe von Wörtern, womit
man abgezogne Begriffe bezeichnet, von denen sich die Einbildungskraft nicht
anders als mit vieler Anstrengung und einer beständigen Bemühung, die gänzliche
Verwirrung so vieler unbestimmter Schattenbilder einige Ideen machen kann; wenn
anders dasjenige so genennt zu werden verdient, was in
