 den echten
Grundsätzen der Religion und der Rechtschaffenheit widerspricht) für ein Gewebe
von Trugschlüssen ansehen, welche die menschliche Gesellschaft zu grunde richten
würden, wenn es moralisch möglich wäre, dass der größere Teil der Menschen damit
angesteckt werden könnte. Wir glauben also vor allem Verdacht über diesen
Artikel sicher zu sein. Aber da unter unsern Lesern ehrliche Leute sein können,
welche uns wenigstens eine Unvorsichtigkeit Schuld geben, und davor halten
möchten, dass wir diesen Hippias entweder gar nicht einführen, oder wenn dieses
der Plan unsers Werkes ja erfodert hätte, seine Lehrsätze ausführlich hätten
widerlegen sollen: So sehen wir für billig an, ihnen die Ursachen zu sagen,
warum wir das erste getan, und das andere unterlassen haben.
    Weil nach unserm Plan der Charakter unsers Helden auf verschiedene Proben
gestellt werden sollte, durch welche seine Denkensart und seine Tugend
erläutert, und dasjenige, was darin übertrieben, und unecht war, nach und nach
abgesondert würde; so war es um so viel nötiger ihn auch dieser Probe zu
unterwerfen, da Hippias, bekannter maßen, eine historische Person ist, und mit
den übrigen Sophisten derselben Zeit sehr vieles zur Verderbnis der Sitten unter
den Griechen beigetragen hat. Überdem diente er den Charakter und die Grundsätze
unsers Helden durch den Kontrast, den er mit selbigen macht, in ein desto
höheres Licht zu setzen. Und da es mehr als zu gewiss ist, dass der grösseste Teil
derjenigen, welche die große Welt ausmachen, wie Hippias denkt, oder doch nach
seinen Grundsätzen handelt; so war es auch in dem Plan der moralischen
Absichten, welche wir uns bei diesem Werke vorgesetzt haben, zu zeigen, was für
einen Effect diese Grundsätze machen, wenn sie in den gehörigen Zusammenhang
gebracht werden. Und dieses sind die hauptsächlichsten Ursachen, warum wir
diesen Sophisten (welchen wir nicht schlimmer vorgestellt haben, als er wirklich
war, und seine Brüder noch heutiges Tages sind) in die Geschichte des Agaton
eingeflochten haben.
    Eine ausführliche Widerlegung dessen, was in seinen Grundsätzen irrig und
gefährlich ist: (Denn in der Tat hat er nicht allemal unrecht,) wäre in Absicht
unsers Plans ein wahres hors d'oeuvre gewesen, und schien uns auch in Absicht
der Leser überflüssig; indem nicht nur die Antwort, welche ihm Agaton gibt, das
beste enthält, was man dagegen sagen kann; sondern auch das ganze Werk (wie
einem jeden in die Augen fallen wird, sobald man das Ganze wird übersehen
können) als eine Widerlegung desselben anzusehen ist. Agaton widerlegt den
Hippias beinahe auf die nämliche Art wie Diogenes den Sophisten, welcher
leugnete, dass eine Bewegung sei: Diogenes ließ den Sophisten schwatzen, so lang
er wollte; und da er fertig war, begnügte er sich vor seinen
