 Agaton ihre zuvorkommende Gütigkeit bisher vernachlässiget hatte,
keinen von den Kunstgriffen verabsäumte, wodurch sie den Wert des von ihm
verscherzten Glückes empfindlicher zu machen glaubte. Sie hatte die Bosheit
gehabt, sich in einem so niedlichen, so sittsamen und doch so verführerischen
Morgen konnte zu denken, die Gratien selbst könnten, wenn sie gekleidet
erscheinen wollten, keinen Anzug erfinden, der auf eine wohlanständigere Art das
Mittel, zwischen der eigentlichen Kleidung und ihrer gewöhnlichen Art sich sehen
zu lassen, hielte. Die Wahrheit zu sagen, das rosenfarbe Gewand, welches sie
umfloss, war eher demjenigen ähnlich, was Petron einen gewebten Wind oder einen
leinenen Nebel nennt, als einem Zeug der den Augen etwas entziehen soll; und die
kleinste Bewegung entdeckte Reizungen, die desto gefährlicher waren, da sie sich
gleich wieder in verräterische Schatten verbargen, und der Einbildungskraft noch
mehr als den Augen nachzustellen schienen. Dem ungeachtet würde unser Held sich
vielleicht ganz wohl aus der Sache gezogen haben, wenn er nicht beim ersten
Anblick die Absichten des Hippias und der schönen Cyana (so hieß das junge
Frauenzimmer) erraten hätte. Diese Entdeckung setzte ihn in eine Art von
Verlegenheit, die desto merklicher wurde, je größere Gewalt er sich antat, sie
zu verbergen; er errötete zu seinem größten Verdruss bis an die Ohren, er machte
allerlei gezwungne Gebärden, und sah alle Gemälde in dem Zimmer nach einander
an, um seine Verwirrung unmerklich zu machen; aber alle seine Mühe war umsonst,
und die Geschäftigkeit der schalkhaften Cyane fand immer neuen Vorwand seinen
zerstreuten Blick auf sich zu ziehen. Doch der Triumph, dessen sie in diesen
Augenblicken genoss, währte nicht lange. So empfindlich die Augen Agatons waren,
so waren sie es doch nicht mehr als sein moralischer Sinn; und ein Gegenstand,
der diesen beleidigte, konnte keinen so angenehmen Eindruck auf jene machen, dass
er nicht von der unangenehmen Empfindung der andern wäre überwogen worden. Die
Forderungen der schönen Cyane, das Gekünstelte, das Schlaue, das Schlüpfrige,
das ihm an ihrer ganzen Person anstößig war, löschte das Reizende so sehr aus,
und erkaltete seine Sinnen so sehr, dass ein größerer Grad davon, gleich dem
Anblick der Medusa, fähig gewesen wäre, ihn in einen Stein zu verwandeln. Die
Freiheit und Gleichgültigkeit, die ihm dieses gab, blieb Cyanen nicht verborgen;
und er sorgte dafür, sie durch gewisse Blicke, und ein gewisses Lächeln, dessen
Bedeutung ihr ganz deutlich war, zu überzeugen, dass sie zu früh triumphiert
habe. Dieses Betragen war für ihre Reizungen allzu beleidigend, als dass sie es
so gleich für ungezwungen hätte halten sollen; der Widerstand, den sie fand,
forderte sie zu einem Wettstreit heraus, worin sie alle ihre Künste anwandte,
