 Herzen, indem, (nach der Versicherung eines der
grössesten Bücher-Kenner von Europa) dermalen noch kein Buch in der Welt ist, in
welchem diese interessante und ziemlich verwickelte Materie recht
auseinandergesetzt und gründlich ausgeführt wäre. Zum Unglück ist dieses Kapitel
eben an diesem Ort am mangelhaftesten. Doch lässt sich aus einigen Worten, welche
zum Schluße dieser Digression zu gehören scheinen, abnehmen, dass der Verfasser
neun und dreißig Ursachen angegeben habe; und wir gestehen, dass wir begierig
wären, diese neun und dreißig Ursachen zu wissen.
 
                                Fünftes Kapitel
                       Moralischer Zustand unsers Helden
Der Autor der alten Handschrift, aus welcher wir den grössesten Teil dieser
Geschichte gezogen zu haben gestehen, triumphiert, wie man gesehen hat, darüber,
dass er seinen Helden mit seiner ganzen Tugend von einem Hofe hinweggebracht
habe. Es würde allerdings etwas sein, dass einem Wunder ganz nahe käme, wenn es
sich wirklich so verhielte; aber wir besorgen, dass er mehr gesagt habe, als er
der Schärfe nach zu beweisen im Stande wäre. Wenn es nicht etwan moralische
Amulete gibt, welche der ansteckenden Beschaffenheit der Hofluft auf eben die
Art widerstehen, wie der Krötenstein dem Gift, so deucht uns ein wenig
unbegreiflich, dass das Getümmel des beschäftigten Lebens, die schädlichen Dünste
der Schmeichelei, welche ein Günstling, er wolle oder wolle nicht, unaufhörlich
einsaugt - - die Notwendigkeit, von den Forderungen der Weisheit und Tugend
immer etwas nachzulassen, um nicht alles zu verlieren - - und was noch
schädlicher als dieses alles ist, die unzählichen Zerstreuungen, wodurch die
Seele aus sich selbst herausgezogen wird, und über der Aufmerksamkeit auf eine
Menge kleiner vorbeirauschender Gegenstände, die Aufmerksamkeit auf sich selbst
verliert - - nicht einige nachteilige Einflüsse in den Charakter seines Geistes
und Herzens gehabt haben sollten. Indessen müssen wir gestehen, dass es ihm
hierin eben so erging, wie es, vermöge der täglichen Erfahrung, allen andern
Sterblichen zu gehen pflegt. Er wurde diese eben so unmerkliche als unleugbare
Einflüsse, und die Veränderungen, welche sie verstohlner Weise in seiner Seele
verursacheten, eben so wenig gewahr, als ein gesunder Mensch die geheimen und
schleichenden Zerrüttungen empfindet, welche die Unbeständigkeit der Witterung,
die kleinen Unordnungen in der Lebensart, die heterogene Beschaffenheit der
Nahrungr Leidenschaften, stündlich in seiner Maschine verursachen. Die
Veränderungen, die in unsrer innerlichen Verfassung vorgehen, müssen
beträchtlich sein, wenn sie in die Augen fallen sollen; und wir fangen
gemeiniglich nicht eher an, sie deutlich wahrzunehmen, bis wir uns genötigt
finden, zu stutzen, und uns selbst zu fragen, ob wir noch eben dieselbe Person
seien, die wir waren? Aus diesem Grunde geschah es vermutlich, dass Agaton die
Progressen, welche die schon zu Smyrna angefangene Revolution in seiner Seele
