 auf immer in ihren Fesseln behalten würde. Sie
setzte also seinen Erklärungen, Verheißungen, Bitten, Drohungen, (zu den feinern
Nachstellungen wer er weder zärtlich noch schlau genug) eine Tugend entgegen,
welche ihn durch ihre Hartnäckigkeit notwendig hätte ermüden müssen, wenn das
Mitleiden mit dem Zustand, worein sie ihn zu setzen gezwungen war, sie nicht zu
gleicher Zeit vermocht hätte, seine Pein durch alle die kleinen Palliative zu
lindern, welche im Grunde für eine Art von Gunstbezeugungen angesehen werden
können, ohne dass gleichwohl die Tugend, bei einem Liebhaber wie Dionys war,
dadurch zuviel von ihrer Würde zu vergeben scheint. Die zärtliche
Empfindlichkeit ihres Herzens - - die Gewalt welche sie sich antun musste, einem
so liebenswürdigen Prinzen zu widerstehen - die stillschweigenden Geständnisse
ihrer Schwachheit, welche zu eben der Zeit, da sie ihm den entschlossensten
Widerstand tat, ihrem schönen Busen wider ihren Willen entflohen - - o!
tugendhafte Kleonissa! Was für eine gute Actrice warst du! - - Was hätte Dionys
sein müssen, wenn er bei solchen Anscheinungen die Hoffnung aufgegeben hätte,
endlich noch glücklich zu werden?
    Inzwischen war, ungeachtet aller Behutsamkeit, welche Kleonissa, und Dionys
selbst gebrauchte, die Leidenschaft dieses Prinzen, und die unüberwindliche
Tugend seiner Göttin, ein Geheimnis, welches der ganze Hof wusste, wenn man schon
nicht dergleichen tat, als ob man Augen oder Ohren hätte. Kleonissa hatte die
Vorsicht gebraucht, die Schwestern des Prinzen, von dem Augenblicke, da sie an
seiner Leidenschaft nicht mehr zweifeln konnte, zu ihren Vertrauten zu machen;
diese hatten wieder im Vertrauen alles seiner Gemahlin entdeckt, und die
Gemahlin seiner Mutter. Die Princessinnen, welche seine bisherigen
Ausschweifungen immer vergebens beseufzet, und besonders gegen die arme
Bacchidion einen Widerwillen gefasst hatten, wovon sich kein andrer Grund, als
die launische Denkungs-Art dieser Damen angeben lässt, waren erfreut, dass seine
Neigung endlich einmal auf einen tugendhaften Gegenstand gefallen war. Die
ausnehmende Klugheit der schönen Kleonissa machte ihnen Hoffnung, dass es ihr
gelingen würde, ihn unvermerkt auf den rechten Weg zu bringen. Kleonissa
erstattete ihnen jedes mal getreuen Bericht von allem was zwischen ihr und ihrem
Liebhaber vorgegangen war - - oder doch von allem, was die Princessinnen davon
zu wissen nötig hatten; alle Maßregeln, wie sie sich gegen ihn betragen sollte,
wurden in dem Kabinet der Königin abgeredet; und diese gute Dame, welche das
Unglück hatte, die Kaltsinnigkeit ihres Gemahls gegen sie lebhafter zu
empfinden, als es für ihre Ruhe gut war, gab sich alle mögliche Bewegungen, die
Bemühungen zu befördern, welche von der tugendhaften Kleonissa angewandt wurden,
den Prinzen in die Schranken der Gebühr zurückzubringen. Alles dieses machte
eine Art von Intrigue aus, bei welcher, ungeachtet
