 reinern
Beweggrunde geschehen sein; so ist gewiss, dass sie alle Gelegenheiten den
göttlichen Plato zu hören mit solcher Begierlichkeit suchte, eine so ausnehmende
Hochachtung für seine Person, einen so unbedingten Glauben an seine Begriffe von
Schönheit und Liebe, und alle übrige Teile seines Systems zeigte, und mit einem
Wort, in kurzer Zeit, an Leib und Seele einer Platonischen Idee so ähnlich sah:
Dass dieser weise Mann, stolz auf eine solche Schülerin, durch den besonderen
Vorzug, den er ihr gab, die allgemeine Meinung von ihrer Weisheit unendlich
erhöhte. Es ist wahr, es wäre nur auf ihn angekommen, bei gewissen Gelegenheiten
gewisse Beobachtungen in ihren schönen Augen zu machen, welche ihn ohne eine
lange Reihe von Schlüssen auf die Vermutung hätten bringen können, dass es nicht
unmöglich sein würde, diese Göttin zu humanisieren. Aber der gute Plato hatte
damals schon über sechzig Jahre, und machte keine solche Beobachtungen mehr.
Kleonissa blieb also in dem Ansehen eines lebendigen Beweises des Platonischen
Lehrsatzes, dass die äußerliche Schönheit ein Widerschein der intellectualischen
Schönheit des Geistes sei; das Vorurteil für ihre Tugend hielt dem Eindruck,
welchen ihre Reizungen hätten machen können, das Gleichgewicht; und sie hatte
das Vergnügen, die vollkommne Gleichgültigkeit, welche Dionys für sie behielt,
der Weisheit ihres Betragens zu zuschreiben, und sich dadurch ein neues
Verdienst bei den Princessinnen zu machen.
    Aber - - o! wie wohl lässt sich jener Solonische Ausspruch, dass man niemand
vor seinem Ende glücklich preisen solle, auch auf die Tugend der Heldinnen
anwenden! Kleonissa sah den Agaton, und - - hörte in diesem Augenblick auf
Kleonissa zu sein - - Nein, das eben nicht; ob es gleich nach dem Platonischen
Sprachgebrauch richtig gesprochen wäre; aber sie bewies, dass die Princessinnen,
und sie selbst, und ihr Gemahl, und der Hof, und die ganze Welt, den göttlichen
Plato mit eingeschlossen, sich sehr geirret hatten, sie für etwas anders zu
halten als sie war, und als sie einem jeden mit Vorurteilen unbefangenen
Beobachter, einem Aristipp zum Exempel, in der ersten Stunde zu sein scheinen
musste.
    Sich über einen so natürlichen Zufall zu verwundern, würde unserm Bedünken
nach, eine große Sünde gegen das nie genug anzupreisende Nil admirari sein, in
welchem (nach der Meinung erfahrner Kenner der menschlichen Dinge) das
eigentliche große Geheimnis der Weisheit, dasjenige was einen wahren Adepten
macht, verborgen liegt. Die schöne Kleonissa war ein Frauenzimmer, und hatte
also ihren Anteil an den Schwachheiten, welche die Natur ihrem Geschlecht eigen
gemacht hat, und ohne welche diese Hälfte der menschlichen Gattung weder zu
ihrer Bestimmung in dieser sublunarischen Welt so geschickt, noch in der Tat, so
liebenswürdig sein würde als sie ist. Ja wie wenig
