 ein Mensch notwendig eine schwache Seite haben
müsse, gaben sie sich alle mögliche Mühe die seinige zu finden, und stellten
ihn, ohne dass er einen Verdacht deswegen auf sie werfen konnte, auf alle
mögliche Proben. Da sie ihn aber gegen Versuchungen, denen sie selbst zu
unterliegen pflegten, gleichgültig oder gewaffnet fanden; so blieb ihnen, bis
auf irgend eine günstige Gelegenheit nichts übrig, als ihn durch den magischen
Dunst einer subtilen Schmeichelei einzuschläfern, welche er desto leichter für
Freundschaft halten konnte, da sie alle Anscheinungen derselben hatte; und je
mehr er berechtiget war, in einem Lande, worin er sich um alle verdient machte,
einen jeden für seinen Freund zu halten. Diese Absicht gelang ihnen, und man muss
gestehen, dass sie dadurch schon ein großes über ihn gewonnen hatten.
    Übrigens können wir nicht umhin, es mag nun unserm Helden nachteilig sein
oder nicht, zu gestehen, dass zu einer Zeit, da sein Ansehen den höchsten Gipfel
erreicht hatte; da Dionys ihn mit Beweisen einer unbegrenzten Gunst überhäufte;
da er von dem ganzen Sizilien für seinen Schutzgott angesehen wurde, und das
seltene, wo nicht ganz unerhörte Glück zu genießen schien, in einem so blendenden
Glücksstande lauter Bewundrer und Freunde, und keinen Feind zu haben - - die
Damen zu Syracus die einzigen waren, welche ihre wenige Zufriedenheit mit seinem
Betragen ziemlich deutlich merken ließ. Mit einer Figur wie die seinige, mit
allem dem was den Augen und Herzen nachstellt in so ausserordentlichem Grade
begabt, war es sehr natürlich, dass er die Aufmerksamkeit der Schönen auf sich
ziehen musste. Die Damen zu Syracus hatten so gut Augen wie die zu Smyrna - - und
Herzen dazu - - oder wenn sie keine hatten, so hatten sie doch etwas, dessen
Bewegungen sehr gewöhnlich mit den Bewegungen des Herzens verwechselt werden;
oder wenn sie auch das nicht hatten, so hatten sie doch Eitelkeit, und konnten
also nicht gleichgültig gegen die eigensinnige Unempfindlichkeit eines Mannes
sein, welcher eben dadurch ein Feind wurde, dessen Überwindung seine Siegerin
zur Liebenswürdigsten ihres Geschlechts zu erklären schien. In den Augen der
meisten Schönen ist der Günstling eines Monarchen allezeit ein Adonis; wie
natürlich war also der Wunsch, einen Adonis empfindlich zu machen, der noch dazu
der Liebling eines Königs, und in der Tat, den Namen, und eine gewisse Binde um
den Kopf ausgenommen, der König selbst war? Man kann sich auf die
Geschicklichkeit der schönen Sicilianerinnen verlassen, dass sie nichts vergessen
haben werden, seiner Kaltsinnigkeit auch nicht den Schatten einer anständigen
Entschuldigung übrig zu lassen. Und womit hätte sie wohl entschuldiget werden
können? Es ist wahr, ein Mann, der mit der Sorge für einen ganzen Staat beladen
ist, hat nicht so viel Musse
