 einzeln besessen hätten, welche in ihm
vereinigt, dennoch den geringsten Teil seines Wertes ausmachten. Er hatte die
Klugheit, anfänglich seine gründlichere Eigenschaften zu verbergen, und sich
bloß von derjenigen Seite zu zeigen, wodurch sich die Hochachtung der Weltleute
am sichersten überraschen lässt. Er sprach von allem mit dieser Leichtigkeit des
Witzes, welche nur über die Gegenstände dahinglitscht, und wodurch sich oft die
schalesten Köpfe in der Welt (auf einige Zeit wenigstens) das Ansehen, Verstand
und Einsichten zu haben, zu gehen wissen. Er scherzte; er erzählte mit Anmut; er
machte andern Gelegenheit sich hören zu lassen; und bewunderte die guten
Einfälle, welche dem schwatzhaften Dionys unter einer Menge von mittelmäßigen
und frostigen zuweilen entfielen, mit einer Art welche, ohne seiner
Aufrichtigkeit oder seinem Geschmack zuviel Gewalt anzutun, diesen Prinzen
überzeugte; dass Agaton unendlich viel Verstand habe.
    Die großen Herren haben gemeiniglich eine Lieblings-Schwachheit, wodurch es
sehr leicht wird, den Eingang in ihr Herz zu finden. Der große Tanzai von
Scheschian, ein Kenner übrigens von Verdiensten, kannte doch kein größeres als
die Leier gut zu spielen. Dionys hegte ein so günstiges Vorurteil für die
Citar, dass der beste Citar-Spieler in seinen Augen der grösseste Mann auf dem
Erdboden war. Er spielte sie zwar selbst nicht; aber er gab sich für einen
Kenner, und rühmte sich die grössesten Virtuosen auf diesem wundertätigen
Instrument an seinem Hofe zu haben. Zu gutem Glücke hatte Agaton zu Delphi die
Citar schlagen gelernt, und bei der schönen Danae, welche eine Meisterin auf
allen Saiten-Instrumenten der damaligen Zeit war, einige Lectionen genommen, die
ihn vollkommen gemacht hatten. Kurz, Agaton nahm das dritte oder vierte mal, da
er mit dem Dionys zu Nacht aß, eine Citar, begleitete darauf einen Dityramben
des Damon, (der von einer feinen Stimme gesungen, und von der schönen Bacchidion
getanzt wurde) und setzte seine Hoheit dadurch in eine so übermäßige Entzückung,
dass der ganze Hof von diesem Augenblick an für ausgemacht hielt, ihn in kurzem
zur Würde eines erklärten Günstlings erhoben zu sehen. Dionys überhäufte ihn in
der ersten Aufwallung seiner Bewunderung mit Liebkosungen, welche unserm Helden
beinahe allen Mut benahmen. Himmel! dachte er, was werde ich mit einem König
anfangen, der bereit ist, den ersten Neuangekommenen an die Spitze seines Staats
zu setzen, weil er ein guter Citarschläger ist? Dieser erste Gedanke war sehr
gründlich, und würde ihm vieles Ungemach erspart haben, wenn er seiner Eingebung
gefolget hätte. Aber eine andere Stimme (war es seine Eitelkeit, oder der
Gedanke ein großes Vorhaben nicht um einer so geringfügigen Ursache willen
aufzugeben? - - oder war es die Schwachheit, die uns geneigt macht, alle
