 Personen beiderlei Geschlechts unschuldige
Freiheiten zu nennen pflegt. Dem sei inzwischen wie ihm wolle, so ist gewiss, dass
Agaton durch dieses seltsame Bezeugen einen Argwohn erweckte, der ihm bei allen
Gelegenheiten sehr beissende Spöttereien von den übrigen Hausgenossen, und selbst
von den Schönen zuzog, die sich durch seine Sprödigkeit nicht wenig beleidigt
fanden, und ihm auf eine feine Art zu verstehen gaben, dass sie ihn für
geschickter hielten, die Tugend der Damen zu bewachen, als auf die Probe zu
stellen. Agaton fand nicht ratsam, sich in einen Wett-Streit einzulassen, wo er
besorgen musste, dass die Begierde, recht zu haben, die sich in der Hitze des
Streites auch der Klügsten zu bemeistern pflegt, ihn zu gefährlichen
Erörterungen führen könnte. Er machte daher bei solchen Anlässen eine so alberne
Figur, dass man von seinem Witz eine eben so verdächtige Meinung bekommen musste,
als man schon von seiner Person gefasst hatte; und die Verachtung, in die er
deswegen bei jedermann fiel, trug vielleicht nicht wenig dazu bei, ihm den
Aufenthalt in einem Hause beschwerlich zu machen, wo ihm ohnehin, alles, was er
sah und hörte, ärgerlich war. Er liebte diejenigen Künste sehr, über welche,
nach dem Glauben der Griechen, die Musen die Aufsicht hatten. Allein die
Gemälde, womit alle Säle und Gänge dieses Hauses ausgeziert waren, stellten so
schlüpfrige und unsittliche Gegenstände vor, dass er seinen Augen um so weniger
erlauben konnte, sich darauf zu verweilen, je vollkommener die Natur darin
nachgeahmt war, und je mehr sich der Genie bemüht hatte, der Natur selbst neue
Reizungen zu leihen. Eben so weit war die Musik, die er alle Abende nach der
Tafel hören konnte, von derjenigen unterschieden, die seiner Einbildung nach
allein der Musen würdig war. Er liebte eine Musik, welche die Leidenschaften
besänftigte, und die Seele in ein angenehmes Staunen wiegte, oder das Lob der
Unsterblichen mit einem feurigen Schwung von Begeisterung sang, wodurch das Herz
in heiliges Entzücken und in ein schauervolles Gefühl der gegenwärtigen Gottheit
gesetzt wurde; und wenn sie Zärtlichkeit und Freude ausdrückte, so sollte es die
Zärtlichkeit der Unschuld und die rührende Freude der einfältigen Natur sein.
Allein in diesem Hause hatte man einen ganz andern Geschmack. Was Agaton hörte,
waren Syrenen-Gesänge, die den üppigsten Liedern des tejischen Dichters einen
Reiz gaben, der auch aus unangenehmen Lippen verführerisch gewesen wäre;
Gesänge, die durch den nachahmenden Ausdruck des verschiedenen Tons der
schmeichelnden, seufzenden und schmachtenden, oder der triumphierenden und in
Entzückung aufgelösten Leidenschaft die Begierde erregten, dasjenige zu
erfahren, was in der Nachahmung schon so reizend war; Lydische Flöten, deren
girrendes, verliebtes Flüstern die redenden Bewegungen der Tänzerinnen ergänzte,
und
