 übernommen hatte, für leichter als sie in der Tat war. Er
schloss immer richtig aus seinen Prämissen; aber seine Prämissen setzten immer
mehr voraus, als war; und er bewies durch sein Exempel, dass keine Leute mehr
durch den Schein der Dinge hintergangen werden, als eben diejenige welche ihr
ganzes Leben damit zubringen, inter Sylvas Academi dem was wahrhaftig ist
nachzuspähen. In der Tat hat man zu allen Zeiten gesehen, dass es den
speculativen Geistern nicht geglückt hat, wenn sie sich aus ihrer
philosophischen Sphäre heraus und auf irgend einen großen Schauplatz des
würksamen Lebens gewaget haben. Und wie hätte es anders sein können, da sie
gewohnt waren, in ihren Utopien und Atlantiden zuerst die Gesetzgebung zu
erfinden, und erst wenn sie damit fertig waren, sich so genannte Menschen zu
schnitzeln, welche eben so richtig nach diesen Gesetzen handeln mussten, wie ein
Uhrwerk durch den innerlichen Zwang seines Mechanismus die Bewegungen macht,
welche der Künstler haben will. Es war leicht genug zu sehen (und doch sahen es
diese Herren nicht) dass es in der würklichen Welt gerade umgekehrt ist. Die
Menschen in derselben sind nun einmal wie sie sind; und der große Punkt ist,
diejenige die man vor sich hat, nach allen Umständen und Verhältnissen so lange
zu studieren, bis man so genau als möglich weiß, wie sie sind. Sobald ihr das
wisst, so geben sich die Regeln, wonach ihr sie behandeln müsst, wenn ihr euren
Zweck erhalten wollt, von sich selbst; dann ist es Zeit moralische Projecte zu
machen - - aber wenn, ihr großen Lichter unsers alleraufgeklärtesten
Jahrhunderts, wenn glaubt ihr, dass diese Zeit für das Menschen-Geschlecht kommen
werde?
 
                                Viertes Kapitel
                            Philistus und Timocrates
Während, dass die Philosophie und die Tugend durch die Beredsamkeit eines
einzigen Mannes eine so außerordentliche Veränderung der Szene an dem Hofe zu
Syracus hervorbrachte, waren die ehmaligen Vertrauten des Dionysius sehr weit
davon entfernt, die Vorteile, welche sie von der vorigen Denkungs Prinzen
gezogen hatten, so willig hinzugeben, als man es aus ihrem äußerlichen Bezeugen
hätte schließen sollen. Als schlaue Höflinge wussten sie zwar ihren Unmut über
die sonderbare Gunst, worin Plato bei demselben stund, sehr künstlich zu
verbergen. Gewohnt sich nach dem Geschmacke des Prinzen zu modeln, und alle
Gestalten anzunehmen, unter welchen sie ihm gefallen oder zu ihren geheimen
Absichten am besten gelangen konnten, hatten sie, so bald sie die neue Laune
ihres Herrn gewahr werden waren, die ganze Außenseite des philosophischen
Enthusiasmus mit eben der Leichtigkeit angenommen, womit sie eine
Maskeraden-Kleidung angezogen hätten. Sie waren die ersten, die dem übrigen Hofe
hierin mit ihrem Beispiel vorgingen; sie verdoppelten ihre Aufwartung bei dem
Prinzen Dion, dessen Ansehen seit Platons Ankunft
