 Er hatte an den
lächerlichen Ausschweifungen der Hofleute wenig Anteil; ob er gleich ganz gern
sah, dass diese unnütze Hummeln, welche er nicht auf einmal austreiben konnte,
auf solche Spielwerke verfielen, die doch immer als eine Art von Vorübungen
angesehen werden konnten, wodurch sie unvermerkt von ihren vorigen Gewohnheiten
abgezogen, und durch den Geschmack an Wissenschaft zu der allgemeinen
Verbesserung, welche er zu bewürken hoffte, vorbereitet wurden. Allein seine
eigene hauptsächlichsten Bemühungen bezogen sich unmittelbar auf den Dionysius
selbst; und indem er ihn durch die Reizungen seines Umgangs und seiner
Beredsamkeit zu humanisieren, und an sich zu gewöhnen suchte, trachtete er, ohne
es allzudeutlich zu erkennen zu geben, dahin, ihm die Verachtung seines vorigen
Zustandes, die Liebe der Tugend, Begierden nach ruhmwürdigen Taten; kurz, solche
Gesinnungen einzuflößen, welche ihn durch unmerkliche Grade von sich selbst auf
die Gedanken bringen würden, ein unrechtmässiges Diadem von sich zu werfen, und
sich an der Ehre, der erste unter seines gleichen zu sein, genügen zu lassen.
Die Anscheinungen ließ ihn den vollkommensten Success hoffen. Dionys schien in
wenigen Tagen nicht mehr der vorige Mann. Seine Wissens-Begierde, seine
Gelehrigkeit gegen die Räte des Philosophen, das Sanfte und Ruhige in seinem
ganzen Betragen übertraf alles, was sich Dion von ihm versprochen hatte. Ganz
Syracus empfand sogleich die Wirkungen dieser glücklichen Veränderung. Er ging
mit einer unglaublichen Behendigkeit von dem höchsten Grade des tyrannischen
Übermuts zu der Popularität eines Ateniensischen Archonten über; setzte alle
Tage einige Stunden aus, um jedermann mit einnehmender Leutseligkeit anzuhören,
nannte sie Mitbürger, wünschte sie alle glücklich machen zu können; machte
wirklich den Anfang, verschiedene gute Anordnungen zu veranstalten, und erweckte
durch so viele günstige Vorzeichen die allgemeine Erwartung einer glückseligen
Revolution, welche nun auf einmal der Gegenstand aller Wünsche, und der Inhalt
aller Gespräche unter dem Volke wurde.
    Es könnte genug sein, gegen diejenige, die eine so große und schnelle
Verwandlung eines Prinzen, den wir für ein kleines Ungeheuer von Lastern und
Ausschweifungen gegeben haben, unglaublich vorkommen möchte, uns auf die
einhellige Aussage der Geschichtschreiber zu berufen; aber wir können noch mehr
tun; es ist leicht, die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit derselben begreiflich
zu machen. Aufmerksame Leser, welche einige Kenntnis des menschlichen Herzens
haben, werden die Gründe hierzu in unsrer bisherigen Erzählung schon von
selber entdeckt haben. In einem Gemüts-Zustande, worin die Leidenschaften
schweigen, wo uns vor den Ergötzungen der Sinne ekelt, und der Mangel an
angenehmen Eindrücken uns in einen beschwerlichen Mittelstand zwischen Sein und
Nichtsein versenkt - - in einem solchen Zustande, ist die Seele begierig, einen
jeden Gegenstand zu umfassen, der sie aus diesem unleidlichen Stillstand ihrer
Kräfte ziehen kann, und also am besten
