 Absicht, die er durch diesen
Jüngling zu erreichen hoffte. Obgleich die Liebe zu den Wollüsten der Sinne
seine herrschende Neigung zu sein schien, so hatte doch die Eitelkeit nicht
weniger Anteil an den meisten Handlungen seines Lebens. Er hatte, bevor er sich
nach Smyrna begab, um die Früchte seiner Arbeit zu genießen, den schönsten Teil
seines Lebens zugebracht, die edelste Jugend der griechischen Städte zu bilden;
er hatte Redner gebildet, die durch eine künstliche Vermischung des Wahren und
Falschen, und den klugen Gebrauch gewisser Figuren, einer schlimmen Sache den
Schein und die Wirkung einer guten zu geben wussten; Staats-Männer, welche die
Kunst besaßen, mitten unter den Zujauchzungen eines betörten Volks die Gesetze
durch die Freiheit und die Freiheit durch schlimme Sitten zu vernichten; um
diejenigen, die sich der heilsamen Zucht der Gesetze nicht unterwerfen wollten,
der willkürlichen Gewalt ihrer Leidenschaften zu unterwerfen; kurz, er hatte
Leute gebildet, die sich Ehren-Säulen dafür aufrichten ließ, dass sie ihr
Vaterland zu Grunde richteten. Allein dieses befriedigte seine Eitelkeit noch
nicht: Er wollte auch jemand hinterlassen, der seine Kunst fortzusetzen
geschickt wäre; eine Kunst, die in seinen Augen allzuschön war, als dass sie mit
ihm sterben sollte. Schon lange hatte er einen jungen Menschen gesucht, bei dem
er das natürliche Geschicke, der Nachfolger eines Hippias zu sein, in derjenigen
Vollkommenheit finden möchte, die dazu erfodert wurde. Seine Gabe, aus der
Gestalt und Mine das Inwendige eines Menschen zu erraten, beredete ihn, im
Agaton zu finden, was er suchte; wenigstens hielt er es der Mühe wert, den
Versuch mit ihm zu machen; und da er von seiner Tüchtigkeit ein so gutes
Vorurteil gefasst hatte, so fiel ihm nur nicht ein, in seine Willigkeit zu den
großen Absichten, die er mit ihm vorhatte, einigen Zweifel zu setzen.
 
                                Drittes Kapitel
                  Verwunderung, in welche Agaton gesetzt wird
Agaton wusste noch nichts, als dass er einem Manne zugehöre, dessen äusserliches
Ansehen ihm gefiel; als er bei dem Eintritt in sein Haus durch die Schönheit des
Gebäudes, die Bequemlichkeiten der Einrichtung, die Menge und die gute Mine der
Bedienten, und durch einen Schimmer von Pracht und Üppigkeit, der ihm
allenthalben entgegen glänzte, in eine Art von Verwunderung gesetzt wurde, die
ihm sonst nicht gewöhnlich war, und die nur desto mehr zunahm, wie er hörte, dass
er die Ehre haben sollte, ein Haus-Genosse von Hippias, dem Weisen, zu werden.
Er war noch im Nachdenken begriffen, was für eine Art von Weisheit dieses sein
möchte, als Hippias, der indes seinem Zahlmeister befohlen hatte, den Cilicier
zu befriedigen, ihn in sein Kabinet rufen ließ, und ihm seine künftige
