 jene tragische Art zu lieben,
welche ihnen vielmehr von der Fackel der Furien als des Liebesgottes entzündet,
eher die Wirkung der Rache einer erzürnte Gottheit als dieser süßen Betörung
gleich zu sein schien, welche sie, wie den Schlaf und die Gaben des Bacchus, des
Gebers der Elende, für ein Geschenke der wohltätigen Natur, ansahen, uns die
Beschwerden des Lebens zu versüßen, und zu den Arbeiten desselben munter zu
machen.
    Ohne Zweifel würden wir diesen Teil der Griechischen Sitten noch besser
kennen, wenn nicht durch ein Unglück, welches die Musen immer beweinen werden,
die Komödien eines Alexis, Menander, Diphilus, Philemon, Apollodorus, und andrer
berühmter Dichter aus dem schönsten Zeit-Alter der attichen Musen ein Raub der
mönchischen und Saracenischen Barbarei geworden wäre. Allein es bedarf dieser
Urkunden nicht, um das was wir gesagt haben zu rechtfertigen. Sehen wir nicht
den ehrwürdigen Solon noch in seinem hohen Alter, in Versen welche des Alters
eines Voltaire würdig sind, von sich selbst gestehen, »dass er sich aller andern
Beschäftigungen begeben habe, um den Rest seines Lebens in Gesellschaft der
Venus, des Bacchus und der Musen auszuleben, der einzigen Quellen der Freuden
der Sterblichen?« Sehen wir nicht den weisen Socrates kein Bedenken tragen, in
Gesellschaft seiner jungen Freunde, der schönen und gefälligen Teodota einen
Besuch zu machen, um über ihre von einem aus der Gesellschaft für
unbeschreiblich angepriesene Schönheit den Augenschein einzunehmen? Sehen wir
nicht, lass er seiner Weisheit nichts zu vergeben glaubt, indem er diese
Teodota, auf eine scherzhafte Art in der Kunst Liebhaber zu fangen
unterrichtet? War er nicht ein Freund - und Bewunderer, ja, wenn Plato nicht
zuviel gesagt hat, ein Schüler der berühmten Aspasia, deren Haus, ungeachtet der
Vorwürfe, welche ihr von der zaumlosen Frechheit der damaligen Komödie gemacht
wurden, der Sammelplatz der schönsten Geister von Athen war? So entaltsam er
selbst, bei seinen beiden Weibern, in Absicht der Vergnügen der Paphischen
Göttin immer sein mochte; so finden wir doch seine Grundsätze über die Liebe mit
der allgemeinen Denkungsart seiner Nation ganz übereinstimmend. Er unterschied
das Bedürfnis von der Leidenschaft; das Werk der Natur, von dem Werk der
Phantasie; er warnte vor dem Letzteren, wie wir im vierten Kapitel schon im
Vorbeigehen bemerkt haben; und riet zu Befriedigung der ersten (nach Xenophons
Bericht) eine solche Art von Liebe, (das Wort dessen sich die Griechen
bedienten, drückt die Sache bestimmter aus) an welcher die Seele so wenig als
möglich Anteil nehme. Ein Rat, welcher zwar seine Einschränkungen leidet; aber
doch auf die Erfahrungs-Wahrheit gegründet ist; dass die Liebe, welche sich der
Seele bemächtiget, sie gemeiniglich der Meisterschaft über sich selbst beraube,
