, so ist doch gewiss, dass die Weiber
und Töchter der Griechen überhaupt sehr sittsame Geschöpfe waren; und dass die
Sitten einer Vermählten und einer Buhlerin bei ihnen eben so stark mit einander
absetzten, als man dermalen in gewissen Hauptstädten von Europa bemüht ist, sie
mit einander zu vermengen.
    Ob diese ganze Einrichtung löblich war, ist eine andre Frage, von der hier
die Rede nicht ist; wir führen sie bloß deswegen an, damit man nicht glaube, als
ob die Reue und die Gewissens-Bisse unsers Agaton aus dem Begriff entstanden,
dass es unrecht sei mit einer Danae der Liebe zu pflegen. Agaton dachte in
diesem Stücke, wie alle andern Griechen seiner Zeit. Bei seiner Nation (die
Spartaner vielleicht allein ausgenommen) durfte man, wenigstens in seinem Alter,
die Nacht mit einer Tänzerin oder Flötenspielerin zubringen, ohne sich deswegen
einen Vorwurf zu zuziehen, in so ferne nur die Pflichten seines Standes nicht
darunter leiden mussten, und eine gewisse Mäßigung beobachtet wurde, welche nach
den Begriffen dieser Heiden, die wahre Grenzlinie der Tugend und des Lasters
ausmachte. Wenn man dem Alcibiades übel genommen hatte, dass er sich im Schoss der
schönen Nemea, als wie vom Siege ausruhend, malen ließ, oder dass er den
Liebesgott mit Jupiters Blitzen bewaffnet in seinem Schilde führte; (und
Plutarch sagt uns, dass nur die ältesten und ernstaftesten Atenienser sich
darüber aufgehalten; Leute, deren Eifer öfters nicht sowohl von der Liebe der
Tugend gegen die Torheiten der Jugend gewaffnet wird, als von dem verdrießlichen
Umstand, beim Anblick derselben zu gleicher Zeit, wie weit sie von ihrer eignen
Jugend entfernt und wie nahe sie dem Grabe sind, erinnert zu werden): Wenn man,
sage ich, dem Alcibiades diese Ausschweifungen übel nahm, so war es nicht sein
Hang zu den Ergötzungen oder seine Vertraulichkeit mit einer Person, welche
durch Stand und Profession, wie so viel andre, allein dem Vergnügen des Publici
gewidmet war; sondern der Übermut, der daraus hervorleuchtete, die Verachtung
der Gesetze des Wohlstandes, und einer gewissen Gravität, welche man in freien
Staaten mit Recht gewohnt ist von den Vorstehern der Republik, wenigstens
außerhalb dem Zirkel des Privatlebens, zu fodern. Man würde ihm, wie andern,
seine Schwachheiten, oder seine Ergötzungen übersehen haben; aber man vergab ihm
nicht, dass er damit prahlte; dass er sich seinem Hang zur Fröhlichkeit und
Wollust, bis zu den unbändigsten Ausgelassenheiten überließ. Dass er, von Wein
und Salben triefend, mit dem vernachlässigten und abgematteten Ansehen eines
Menschen, der eine Winternacht so durchschweigt hatte, noch warm von den
Umarmungen einer Tänzerin, in die Rats-Versammlungen hüpfte, und sich, so übel
vorbereitet, doch überflüssig tauglich hielt, (
