 Erfahrung geben kann. Ich lebte nach
meinem Geschmack, und nach meinem Herzen, weil ich gewiss wusste, dass beide gut
waren, ohne daran zu denken, dass man mir andre Absichten bei meinen Handlungen
andichten könne, als ich wirklich hatte. Ich lebte mit einer gewissen Pracht,
weil ich das Schöne liebte, und Vermögen hatte; ich tat jedermann gutes, weil
ich meinem Herzen dadurch ein Vergnügen verschafte, welches ich allen andern
Freuden vorzog; ich beschäftigte mich mit dem gemeinen Besten der Republik, weil
ich dazu geboren war, weil ich eine Tüchtigkeit dazu in mir fühlte, und weil ich
durch die, Zuneigung meiner Mitbürger in den Stand gesetzt zu werden hoffte,
meinem Vaterland und der Welt nützlich zu sein. Ich hatte keine andere
Absichten, und würde mir eher haben träumen lassen, dass man mich beschuldigen
werde, nach der Krone des Königs von Persien, als nach der Unterdrückung meines
Vaterlands zu streben. Da ich mir bewusst war niemands Hass verdient zu haben, so
hielt ich einen jeden für meinen Freund, der sich dafür ausgab, um so mehr, als
kaum jemand in Athen war, dem ich nicht Dienste geleistet hatte. Aus eben diesem
Grunde dachte ich gleich wenig daran, wie ich mir einen Anhang mache, als wie
ich die geheimen Anschläge von Feinden, welche mir unsichtbar waren, vereiteln
wolle. Denn ich glaubte nicht, dass die Freimütigkeit, womit ich, ohne Galle oder
Übermut, meine Meinung bei jeder Gelegenheit sagte, eine Ursache sein könne, mir
Feinde zu machen. Mit einem Wort, ich wusste noch nicht, dass Tugend, Verdienste
und Wohltaten gerade dasjenige sind, wodurch man gewisse Leute zu dem
tödlichsten Hass erbittern kann. Eine traurige Erfahrung konnte mir allein zu
dieser Einsicht verhelfen; und es ist billig, dass ich sie wert halte, da sie mir
nicht weniger, als mein Vaterland, die Liebe meiner Mitbürger, meine schönsten
Hoffnungen, und das glückselige Vermögen, vielen Gutes zu tun, und von niemand
abzuhangen, gekostet hat.
 
                               Siebentes Kapitel
                        Agaton wird von Athen verbannt
Der Zeitpunct meines Lebens, auf den ich nunmehr gekommen bin, führt
allzuunangenehme Erinnerungen mit sich, als dass ich nicht entschuldiget sein
sollte, wenn ich so schnell davon wegeile, als es die Gerechtigkeit zulassen
wird, die ich mir selbst schuldig bin. Es mag sein, dass einige von meinen
Feinden aus Beweggründen eines republicanischen Eifers gegen mich aufgestanden
sind, und sich durch meinen Sturz eben so verdient um ihr Vaterland zu machen
geglaubt haben, als Harmodius und Aristogiton durch die Ermordung der
Pisistratiden. Aber es ist doch gewiss, dass diejenige, welche die Sache mit der
grössesten Wut betrieben, keinen andern Beweggrund hatten, als die Eifersucht
über das Ansehen
