 mir
seine Begriffe von der besten Art, die menschliche Gesellschaft einzurichten,
und zu regieren, eigen zu machen, da er das Vergnügen zu haben hoffte, sie
wenigstens in so fern es die Umstände zulassen würden, durch mich realisiert zu
sehen. Sein Eifer in diesem Stücke mag so groß gewesen sein, als er will, so war
er doch gewiss nicht größer, als meine Begierde, dasjenige auszuüben, was er
speculierte. Allein, da meine Vorstellung von der Wichtigkeit der Pflichten,
welche derjenige auf sich nimmt, der sich in die öffentlichen Angelegenheiten
mischet, der Lauterkeit und innerlichen Güte meiner Absichten proportioniert
war, und ich desto weiter von Ehrsucht, und andern eigennützigen Leidenschaften
entfernt zu sein glaubte, je gewisser ich mir bewusst war, dass ich (wenn ich es
für erlaubt gehalten hätte, mich in der Wahl einer Lebensart bloß meiner
Privatneigung zu überlassen,) eine von dem Städtischen Getümmel entfernte Musse,
und den Umgang mit den Musen, die ich alle zugleich liebte, der Ehre, eine ganze
Welt zu beherrschen, vorgezogen hätte: So glaubte ich mich nicht genug
vorbereiten zu können, eh ich auf einem Theater erschiene, wo der erste Auftritt
gemeiniglich das Glück des ganzen Schauspiels entscheidet. Ich widerstund bei
etlichen Gelegenheiten, welche mich aufzufodern schienen, so wohl dem Zubringen
meiner Freunde, als meiner eigenen Neigung, ob es gleich, seit dem Alcibiades
mit so gutem Erfolg den Anfang gemacht hatte, nicht an jungen Leuten fehlte,
welche, ohne sich durch andre Talente, als die Geschicklichkeit ein Gastmahl
anzuordnen, sich zierlich zu kleiden, zu tanzen, und die Citar zu spielen,
bekannt gemacht zu haben, vermessen genug waren, nach einer durchgeschwärmten
Nacht aus den Armen einer Buhlerin in die Versammlung des Volks zu hüpfen, und
von Salben triefend mit einer tändelhaften Geschwätzigkeit von den Gebrechen des
Staats, und den Fehlern der öffentlichen Verwaltung zu plaudern.
    Endlich ereignete sich ein Fall, wo das Interesse eines Freundes, den ich
vorzüglich liebte, alle meine Bedenklichkeiten überwog. Eine mächtige Kabale
hatte seinen Untergang geschworen; er war unschuldig; aber die Anscheinungen
waren gegen ihn; die Gemüter waren wider ihn eingenommen; und die Furcht, sich
den Unwillen seiner Feinde zu zuziehen, hielt die wenigen, welche besser von ihm
dachten, zurück, sich seiner öffentlich anzunehmen. In diesen Umständen stellte
ich mich als sein Verteidiger dar. Da ich von seiner Unschuld überzeugt war, so
würkten alle diese Betrachtungen, wodurch sich seine übrigen Freunde abschrecken
ließ, bei mir gerade das Widerspiel. Ganz Athen wurde aufmerksam, da es
bekannt wurde, dass Agaton, des Stratonicus Sohn, auftreten würde, die Sache des
schon zum voraus verurteilten Lysias zu führen. Die Zuneigung, welche das Volk
