 trug: Alles dieses vereinigte sich, das günstige Vorurteil
zu unterhalten, welches man einmal für mich gefasst hatte; und da mir noch die
Verdienste meines Vaters, und einer langen Reihe von Voreltern den Weg zur
Republik bahnten; so ist es nicht zu verwundern, dass ich in einem Alter, worin
die meisten Jünglinge nur mit ihren Vergnügungen beschäftigt sind, den Mut
hatte, in den öffentlichen Versammlungen aufzutreten, und das Glück, mit einem
Beifall aufgenommen zu werden, welcher mich in Gefahr setzte, eben so schnell,
als ich empor gehoben wurde, so wohl durch meine eigene Vermessenheit, als durch
den Neid meiner Nebenbuhler wieder gestürzt zu werden.
    Die Beredsamkeit ist in Athen, und in allen Freistaaten, wo das Volk Anteil
an der öffentlichen Verwaltung hat, der nächste Weg zu Ehrenstellen, und das
gewisseste Mittel sich auch ohne dieselben Ansehen und Einfluss zu verschaffen.
Ich ließ es mir also sehr angelegen sein, die Geheimnisse einer Kunst zu
studieren, von deren Ausübung und dem Grade der Geschicklichkeit, den ich mir
darin erwerben würde, die glückliche Ausführung aller meiner Entwürfe abzuhangen
schien. Denn wenn ich bedachte, wozu Perikles und Alciabades die Atenienser zu
bereden gewusst hatten: So zweifelte ich keinen Augenblick, dass ich sie mit einer
gleichen Geschicklichkeit zu Massnehmungen würde überreden können, welche,
außerdem, dass sie an sich selbst edler waren, zu weit glänzendern Vorteilen
führten, ohne so ungewiss und gefährlich zu sein. In dieser Absicht besuchte ich
die Schule des Platons, welcher damals zu Athen in seinem grössesten Ansehen
stund, und indem er die Weisheit des Socrates mit der Beredsamkeit eines Gorgias
und Prodicus vereinigte, nach dem Urteil meiner alten Freunde, weit geschickter,
als diese Wortkünstler, war, einen Redner zu bilden, der vielmehr durch die
Stärke der Wahrheit, als durch die Blendwerke und Kunstgriffe einer
hinterlistigen Dialectik sich die Gemüter seiner Zuhörer unterwerfen wollte. Der
vertrautere Zutritt, den mir dieser berühmte Weise vergönnte, entdeckte eine
Übereinstimmung meiner Denkungsart mit seinen Grundsätzen, welche die
Freundschaft, die ich für ihn fasste, in eine fast schwärmerische Leidenschaft
verwandelte. Sie würde mir schädlich gewesen sein, wenn man damals schon so von
ihm gedacht hätte, wie man dachte, nachdem er, durch die Bekanntmachung seiner
metaphysischen Dialogen, bei den Staatsleuten, und selbst bei vielen, welche
seine Bewundrer gewesen waren, den Vorwurf, welchen Aristophanes ehemals
(wiewohl höchst unbillig) dem weisen Socrates gemacht, sich mit besserm Grund
oder mehr Scheinbarkeit zugezogen hatte. Aber damals hatte Plato weder seinen
Timäus noch seine Republik geschrieben. Indessen existierte diese letztere doch
bereits in seinem Gehirne; sie gab sehr oft den Stoff zu unsern Gesprächen in
den Spaziergängen der Academie ab; und er bemühete sich desto eifriger,
