 die Liverei des Gottes zu
Delphi trugen, war nicht ein einziger, den die Natur so vollkommen mit mir
zusammen gestimmt hatte, als die Spitzfindigkeit meiner Begriffe es erfoderte.
    Um diese Zeit geschah es, dass ich das Unglück hatte, der Ober-Priesterin
eine Neigung einzuflößen, welche mit ihrem geheiligten Stande und mit ihrem
Alter einen gleich starken Absatz machte; sie hatte mich schon seit geraumer
Zeit mit einer vorzüglichen Gütigkeit angesehen, welche ich, so lang ich konnte,
einer mütterlichen Gesinnung beimass, und mit aller der Ehrerbietung erwiderte,
die ich der Vertrauten des Delphischen Gottes schuldig war. Stelle dir vor,
schöne Danae, was für ein Modell zu einer Bild-Säule des Erstaunens ich
abgegeben hätte, als sich eine so ehrwürdige Person herabliess, mir zu entdecken,
dass alle Vertraulichkeit, die ich zwischen ihr und dem Apollo voraussetzte,
nicht zureiche, sie über die Schwachheiten der gemeinsten Erden-Töchter
hinwegzusetzen. Die gute Dame war bereits in demjenigen Alter, worin es
lächerlich wäre, das Herz eines Mannes von einiger Erfahrung einer jungen
Nebenbuhlerin streitig machen zu wollen. Allein einem Neuling, wofür sie mich
mit gutem Grund ansah, die ersten Unterweisungen zu gehen, dazu konnte sie sich
ohne übertriebene Eitelkeit für reizend genug halten. Sie war zu den Zeiten des
Heiligen Kriegs in der Blüte ihrer Schönheit gewesen; hatte sich aber, wie die
meisten ihres Standes, so gut erhalten, dass sie noch immer Hoffnung haben
konnte, in einer Versammlung herbstlicher Schönheiten vorzüglich bemerkt zu
werden. Setze zu diesen ehrwürdigen Überbleibseln einer vormals berühmten
Schönheit eine Figur, wie man die blonde Ceres zu bilden pflegt, große schwarze
Augen, unter deren affectiertem Ernst eine wollüstige Glut hervorglimmte, und zu
allem diesem eine ungemeine Sorgfalt für ihre Person, und die schlaue Kunst, die
Vorteile ihrer Reizungen mit der strengen Sittsamkeit ihrer priesterlichen
Kleidung zu verbinden: so kannst du dir eine genugsame Vorstellung von dieser
Pytia machen, um den Grad der Gefahr abnehmen zu können, worin sich die Einfalt
meiner Jugend bei ihren Nachstellungen befand.
    Es ist leicht zu erachten, wie viel es sie Mühe kosten musste, die ersten
Schwierigkeiten zu überwinden, welche ein mehr Ehrfurcht als Liebe einflössendes
Frauenzimmer, in den hartnäckigen Vorurteilen eines achtzehnjährigen Jünglings
findet. Ihr Stand erlaubte ihr nicht, sich deutlich zu erklären; und meine
Blödigkeit verstand die Sprache nicht, deren sie sich zu bedienen genötigt war.
Zwar braucht man sonst zu dieser Sprache keinen andern Lehrmeister als sein
Herz; allein unglücklicher Weise sagte mir mein Herz nichts. Es bedurfte der
lange geübten Geduld einer bejahrten Priesterin, um nicht tausendmal das
Vorhaben aufzugeben, einem Menschen, der aus lauter Ideen zusammengesetzt war,
ihre Absichten begreiflich zu machen. Und dennoch fand sie sich endlich
