, als dass nicht mitten unter den flüchtigen Vergnügungen, womit
sie gleichsam über die Oberfläche seiner Seele hinglitscheten, ein geheimes
Gefühl seiner Erniedrigung seine Wangen mit Schamröte vor sich selbst dem
Vorboten der wiederkehrenden Tugend, hätte überziehen sollen.
    Dieses begegnete insonderheit bei einem pantomimischen Tanze, womit Hippias
seine größtenteils vom Bacchus glühenden Gäste noch eine geraume Zeit nach
Mitternacht vom Einschlummern abzuhalten suchte. Die Tänzerin, ein schönes
Mädchen, welches ungeachtet seiner Jugend, schon lange in den Geheimnissen von
Cytere eingeweiht war, tanzte die Fabel der Leda. Dieses berüchtigte
Meisterstück der eben so vollkommenen als üppigen Tanzkunst der Alten, von dessen
Wirkungen Juvenal in einer von seinen Satyren ein so zügelloses Gemälde macht.
Hippias und die meisten seiner Gäste bezeugten ein unmässiges Vergnügen über die
Art, wie seine Tänzerin diese schlüpfrige Geschichte nach der wollüstigen
Modulation zwoer Flöten, allein durch die stumme Sprache der Bewegung, von Szene
zu Szene bis zur Entwicklung fortzuwinden wusste. - - Zeuxes, und Homer selbst,
riefen sie, konnte nicht besser, nicht deutlicher mit Farben oder Worten, als
die Tänzerin durch ihre Bewegungen malen. Die Damen glaubten genug getan zu
haben, dass sie auf dieses Schauspiel nicht Acht zu geben schienen; aber Agaton
konnte den widrigen Eindruck, den es auf ihn machte, und den innerlichen Granen,
womit sein Gemüt dabei erfüllt wurde, kaum in sich selbst verschließen. Er
wollte wirklich etwas sagen, welches allerdings in der Gesellschaft, worin er
war, übel angebracht gewesen wäre; als ein beschämter Blick auf sich selbst, und
vielleicht die Furcht belacht zu werden, und den ausgelassenen Hippias zu einer
allzuscharfen Rache zu reizen, seine Rede auf seinen Lippen erstickte; und weil
doch die ersten Worte nun einmal gesagt waren, den vorgehabten Tadel in einen
gezwungenen Beifall verwandelten. Er hatte nun keine Ruhe, bis er die schöne
Danae bewogen hatte, sich mit einer von ihren Freundinnen aus einer Gesellschaft
wegzuschleichen, aus welcher die Grazien schamrot wegzufliehen anfingen; und
sein Unwille ergoss sich während dass sie nach Hause fuhren, in eine scharfe
Verurteilung des verdorbenen Geschmacks des Sophisten, welche so lange dauerte,
bis sie bei Anbruche des Tages wieder auf dem Landhause der Danae anlangten, um
die von Ergötzungen abgemattete Natur zu derjenigen Zeit, welche zu den
Geschäften des Lebens bestimmt ist, durch Ruhe und Schlummer wiederherzustellen.
 
                                Viertes Kapitel
                     Dass Träume nicht allemal Schäume sind
Die Stoiker, dieser strenge moralische Orden, dessen Abgang der vortreffliche
Präsident von Montesquieu als einen Verlust für das menschliche Geschlecht
ansieht, hatten unter andern Sonderlichkeiten, eine große Meinung von der Natur
und Bestimmung der Träume. Sie trieben es so weit, dass sie sich die Mühe gaben,
eben so große Bücher über diese Materie zu schreiben, als diejenigen, womit die
