
        
                            Christoph Martin Wieland
                             Geschichte des Agaton
                    - quid Virtus, et quid Sapientia possit
                       Utile proposuit nobis exemplar. -
                                   Erster Teil
                                    Vorbericht
Der Herausgeber der gegenwärtigen Geschichte sieht so wenig Wahrscheinlichkeit
vor sich, das Publicum überreden zu können, dass sie in der Tat aus einem alten
Griechischen Manuskript gezogen sei; dass er am besten zu tun glaubt, über diesen
Punkt gar nichts zu sagen, und dem Leser zu überlassen, davon zu denken, was er
will. Gesetzt, dass wirklich einmal ein Agaton gewesen, (wie dann in der Tat, um
die Zeit, in welche die gegenwärtige Geschichte gesetzt worden ist, ein
comischer Dichter dieses Namens den Freunden der Schriften Platons bekannt sein
muss:) gesetzt aber auch, dass sich von diesem Agaton nichts wichtigers sagen
ließe, als wenn er geboren worden, wenn er sich verheiratet, wie viel Kinder er
gezeugt, und wenn, und an was für einer Krankheit er gestorben sei: was würde
uns bewegen können, seine Geschichte zu lesen, und wenn es gleich gerichtlich
erwiesen wäre, dass sie in den Archiven des alten Atens gefunden worden sei?
    Die Wahrheit, welche von einem Werke, wie dasjenige, so wir den Liebhabern
hiemit vorlegen, gefodert werden kann und soll, bestehet darin, dass alles mit
dem Lauf der Welt übereinstimme, dass die Charakter nicht willkürlich, und bloß
nach der Phantasie, oder den Absichten des Verfassers gebildet, sondern aus dem
unerschöpflichen Vorrat der Natur selbst hergenommen; in der Entwicklung
derselben so wohl die innere als die relative Möglichkeit, die Beschaffenheit
des menschlichen Herzens, die Natur einer jeden Leidenschaft, mit allen den
besonderen Farben und Schattierungen, welche sie durch den Individual-Charakter
und die Umstände einer jeden Person bekommen, aufs genaueste beibehalten;
daneben auch der eigene Charakter des Landes, des Orts, der Zeit, in welche die
Geschichte gesetzt wird, niemal aus den Augen gesetzt; und also alles so
gedichtet sei, dass kein hinlänglicher Grund angegeben werden könne, warum es
nicht eben so wie es erzählt wird, hätte geschehen können, oder noch einmal
wirklich geschehen werde. Diese Wahrheit allein kann Werke von dieser Art
nützlich machen, und diese Wahrheit getrauet sich der Herausgeber den Lesern der
Geschichte des Agatons zu versprechen.
    Seine Hauptabsicht war, sie mit einem Charakter, welcher gekannt zu werden
würdig wäre, in einem manchfaltigen Licht, und von allen seinen Seiten bekannt
zu machen. Ohne Zweifel gibt es wichtigere als derjenige, auf den seine Wahl
gefallen ist. Allein, da er selbst gewiss zu sein wünschte, dass er der Welt keine
Hirngespenster für Wahrheit verkaufe; so wählte er denjenigen, den er am
genauesten kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hat. Aus diesem Grunde kann er
ganz zuverlässig versichern,
