 mir einen großen Schein der Wahrheit zu haben
schien, und ob sie gleich nicht in Abrede war, dass eine junge Schauspielerin
mehr Versuchungen ausgesetzt sei als andre Frauenzimmer, so behauptete sie
hingegen, dass sie desto mehr Ehre davon habe, wenn sie den Mut und die
Standhaftigkeit besitze, in einem Stande, worin man ihr so viel zu gut halten
würde, wirklich tugendhaft zu sein. Kurz, die Vorstellungen der Arsenia, ihre
Liebkosungen, ihre Bitten, die Freundschaft, die sie mir versprach, und meine
gegenwärtige Not, die mir keine Wahl übrig ließ, überwanden endlich meine
Bedenklichkeiten ohne sie zu heben, und ich erklärte mich für eine Profession,
zu der sie ein ganz besonderes Talent bei mir entdeckt haben wollte. Ich wurde
also mit allgemeinem Beifall in die Gesellschaft aufgenommen, und nachdem mich
Arsenia in den Geheimnissen ihrer Kunst unterrichtet hatte, wurde Korduba zum
Ort ausersehen, wo ich meinen ersten öffentlichen Auftritt machen sollte. Die
Zuschauer urteilten eben so günstig von mir als von Arsenia, und ich gestehe
ihnen, dass das frohe Geklatsch und der lebhafte Ausdruck eines allgemeinen
Vergnügens, der einer gefallenden Schauspielerin, so bald sie nur erscheint, von
allen Seiten entgegen lächelt, ein süßer und gefährlicher Augenblick für die
Eitelkeit eines jungen Mädchens ist.
    Indes konnte doch die Empfindlichkeit, die ich, so lange das Schauspiel
daurte, für einen Beifall hatte, wovon ich vielleicht das meiste der Neuheit
meiner Figur zu danken hatte, die demütigenden Vorwürfe nicht verhindern, die
ich mir selbst machte, so bald ich aufhörte Ines oder Roxelane zu sein. Ich
errötete vor mir selbst, wenn ich dachte, dass ich unverschämt genug gewesen war,
mich gleichsam den Augen des Publici Preis zu geben, und in einer angenommenen
Person Leidenschaften zu erregen, die einer zügellosen Jugend eine Art von Recht
zu geben schienen, von mir zu erwarten, dass ich in meiner eigenen Person die
ihrigen begünstigen sollte. Diese Betrachtungen, indem sie mir alle
Annehmlichkeiten meines Standes verbitterten, machten mich desto behutsamer in
meiner Aufführung. Mein Herz, welches niemals schlimme Neigungen gehabt hatte,
machte mirs leicht, mich vor der Verführung zu bewahren; aber die Schwierigkeit
war, in einer so schlüpfrigen Lebens-Art auch den Schein zu vermeiden, und die
schalksaugige Verleumdung selbst zu nötigen, mein Betragen wenigstens durch ihr
Stillschweigen für untadelhaft zu erklären. Ich weiß nicht in wie weit ich
hierin glücklich gewesen sein mag; aber ich würde undankbar sein, wenn ich
vergässe, ihnen zu sagen, dass Arsenia, die ich meiner Hochachtung immer würdiger
fand je besser ich sie kennen lernte, indem sie die Stelle einer Mutter bei mir
vertrat, mir zu Erreichung meiner Absicht unendlich nützlich war. Ich verlor
mich niemals aus ihren Augen,
