 Weibsleute und einen kleinen Bruder um mich gehabt hatte, den
ich sehr zärtlich liebte. Aber auch diese wenigen Erinnerungen sind so schwach
und erloschen, dass ich mir nicht getraue Sie zu versichern, dass es wirklich so
gewesen sei.
    Die Zigeunerin, die sich für meine Großmutter ausgab, ohne dass sich mein
Herz jemals überreden lassen wollte es zu glauben, wandte allen nur möglichen
Fleiß an, mich zu den Absichten, die sie mit mir hatte, zu erziehen. Ich war
kaum sieben Jahr alt, da die gute Art, wie ich zu meiner kleinen
Biscayer-Trommel tanzte, die naiven Antworten, die ich gab, und tausend kleine
Gaukeleien, die ich zu machen wusste, mir allenthalben, wo wir hinkamen, die
Gunst der Leute erwarben, und meiner alten Pfleg-Mutter ihre Realen zufliegen
machten. Dieser Success munterte sie auf, dass sie nichts ermangeln ließ, die
Talente, die sie in mir zu finden glaubte, zu entwickeln. In meinem zwölften
Jahre spielte ich die Citer und die Teorbe, sang eine unendliche Menge von
Liedern und Romanzen, und prophezeite aus der Hand und aus dem Kaffee-Satz, so
gut als irgend eine Zigeunerin in der Welt.
    Die Aufmerksamkeit, die ich ungeachtet meiner anscheinenden
Flatterhaftigkeit auf alles hatte, was ich sah und hörte, machte mich einsmal,
da wir auf einem Feste zu Toledo waren, bemerken, dass unter einem Haufen von
Zuschauern die ich nebst etlichen andern jungen Mädchen, zum Vorteil unsrer
Alten, durch Tänze und Balladen belustigen musste, ein paar Männer von
ernstaftem Ansehen stunden, die mich mit mitleidigen Augen anzusehen schienen.
Wie Schade, sagte einer, dass sie eine Zigeunerin ist! Wie bald wird diese sich
selbst noch unbewusste Anmut die Beute der Verführung werden. Glaubet mir, sagte
der andere, sie hat mir eher die Mine andre zu verführen, als sich verführen zu
lassen. Desto mehr ist sie zu bedauern, erwiderte der erste, in ihrem Stand ist
die Tugend, die in jedem andern ein Verdienst ist, ein Fehler, der sie nur desto
unglücklicher machen würde. - Diese Reden, die ich, ohne dass sie es merkten,
auffasste, machten einen tiefen Eindruck auf mein Gemüt, und je weniger ich ihren
Sinn verstehen konnte, desto mehr bemühte ich mich ihn auszugrübeln.
    Die alte Zigeunerin, die nur darauf dachte, wie sie mich reizend machen
wollte, hatte sich wenig bekümmert, mich die Tugend kennen zu lehren; und wie
hätte sie es sollen, da sie selbst weder Begriff noch Gefühl davon hatte. Dem
ungeachtet war ich nicht gänzlich ohne moralische Begriffe. Ein gewisser
Instinkt, der sich durch meine Aufmerksamkeit auf die Handlungen unserer kleinen
Gesellschaft und auf die Bewegungen meines eigenen
