 alles Gute zutraue, eine kleine Kaltsinnigkeit, die
Sie seit einiger Zeit gegen mich haben spühren lassen, einige Unruhe
verursachet. Wenn Ihre Absicht dabei gewesen ist meine Liebe nur destomehr
anzufeuern, so will ich Ihnen gestehen, dass Sie diese vollkommen erreicht haben,
ich verehre Sie jetzo mehr als jemals, es ist also Zeit, dass Sie meine Marter
endigen. Das Nadelbüchsgen, das ich Ihnen vor einiger Zeit verehret habe, rufet
Ihnen durch seine Devise, so oft Sie solches in Ihre schönen Hände nehmen, in
meinem Namen zu
Finissez mon martyre,
Vous voyez que j'expire!
    Jedoch vielleicht hat Ihnen auch der Gehorsam gegen Ihren Herrn Vater, der
einige Zeit daher nicht mit mir zufrieden scheint, diese kleine Vorstellung,
worüber ich mich so sehr beklage, abgenötiget. Wollte der Himmel, dass ich Ihre
kaltsinnige Mine für einen Beweis annehmen dürfte, dass Ihr Herz desto feuriger
liebt! Ich sehe den zureichenden Grund Ihres Betragens nicht vollkommen ein, und
daher laufe ich immer Gefahr, falsche Schlüsse zu machen und mich in meinem
Urteilen zu hintergehen. Um diesem Übel vorzubeugen, beschwöre ich Sie bei der
Hochachtung, die ich Ihnen gewidmet habe, mir insgeheim in dieser Sache einige
Erläuterungen zu geben, ich hoffe dadurch vollkommen wieder beruhiget zu werden.
Kann ich Ihre holden Blicke verdienen, wenn ich mich bei Ihren Herrn Vater
wieder in Gunst setze: so gebe ich Ihnen die Versicherung, dass ich meine
schönsten Anschläge daran spendiren und eher die Ehre verliehren will eine
gelehrte Gesellschaft gestiftet zu haben, als mich der Gefahr bloß zu stellen,
Ihre Gunst einzubüssen. In der Erwartung einer günstigen Antwort, verharre ich in
der unveränderlichen Hochachtung Ihrer schönen Person
                                      Dero
                                                            getreuester Verehrer
                                                                          M.L.W.
 
                                  XXII. Brief.
                       Lampert Wilibald an den Herrn v.F.
                                                                     den 14 Dec.
Die Neigung zur Billigkeit und Gerechtigkeit ist in Dero Hochadlichem Hause eine
so bekannte Tugend, dass auch Ihre vortrefflichen Ahnen davon verschiedene
Zunahmen erhalten haben. Einer Ihrer löblichen Vorfahren hieß Justus v.F. oder
der Gerechte, ein anderer nennt sich in einem Vertrage, den er mit den Vorfahren
meines Patrons errichtet hat, Aeques, welches ohne Zweifel Aequs, oder der
Billige, heißen soll, und keinesweges, wie einige glauben, eine fehlerhafte
Schreibart des Wortes Eques sein mag, wodurch man diesen Herrn einer groben
Unwissenheit beschuldigen würde. Sie haben sich auch jederzeit, beflissen, die
Gerechtigkeit in den Ihrer Gerichtsbarkeit unterworfenen Orten aufs genaueste
und sorgfältigste auszuüben, und dadurch bewiesen, dass Sie auf eine rühmliche
Art in die Fußstapfen Ihrer vortrefflichen Anherren getreten sind. Der Geringste
Ihrer Untertanen kann sich rühmen, dass ihm nie der Weg zur Gerechtigkeit
versperret ist, und der angesehenste derselben darf sich nicht erkühnen
